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1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
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Sechstes Kapitel: Die Tragik.

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Tragik der gleiche. Er besteht beide Male im sympathischenMiterleben, in der positiven Einfühlung. Aber es geht beibeiden das Miterleben in verschiedener Richtung, und hatdemgemäfs auch einen verschiedenen Charakter.

Im ersten Falle, bei der Tragik des Übels oder der „Schick-salstragik“ — die nicht etwa mit der Schicksalstragik zusammen-geworfen werden darf, welche die Geschichte der Dichtungspeziell mit diesem Namen zu bezeichnen pflegt — gewinntunmittelbar ein Gutes in einem Menschen durch das Leidenerhöhte Eindrucksfähigkeit.

Anders in der Charaktertragik. Hier tritt an die Stelledieses Momentes ein entgegengesetztes, darum doch wiederumgleichartiges. In ihr leidet der Böse um des Bösen willen.Aber nicht nur tatsächlich. Sondern er fühlt auch das Leidenals ein durch das Böse verschuldetes. Er fühlt sich gerichtet.Er ma[ste sich an, wider das Gute sich zu erheben, und glaubtedarüber zu triumphieren. Diese Anmafsung sieht er zergehen.Damit gibt er dem Guten, wenn auch wider Willen, Recht. Esoffenbart sich an ihm und in ihm die Macht des Guten, um-somehr, je mehr er dagegen vergeblich ankämpft.

Dies heifst doch nicht etwa, dafs der „böse“ tragische Heldsein Unrecht einsehen, bekennen und bereuen müfste. Es genügt,dafs er gescheitert, dafs sein Versuch gegen das Rechte, odergegen die sittliche Weltordnung sich zu erheben, zu Schandengeworden ist, und dafs er davon weifs, und dafs wir, die Be-schauer, dies miterleben, also in der tragischen Persönlich-keit, mit ihr oder in ihrem Namen, die Macht des Sittlichenfühlen.

Schliefslich muls noch hinzugefügt werden: So verschiedendiese beiden Arten der Tragik sein mögen, so wenig schliefsensie sich aus. Wir sehen sie sogar überall in der tragischenKunst, insbesondere in der Tragödie, ineinander übergehen.Auch das Gute bietet dem Schicksal zunächst jederzeit eineHandhabe, die das Schicksal begreiflich erscheinen läfst.Und wir sehen dann bald mehr bald minder diese blofse „Hand-habe“ in eine „Schuld“ sich verwandeln.

Und der Böse ist nicht böse schlechtweg, sondern es findet