Sechstes Kapitel: Die Tragik.
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Dies Miterleben liegt aber auch schon ausgesprochen imWort „Mitleid“. Mitleid ist Mitgefühl, nämlich solches Mitgefühl,das durch das Leiden geweckt wird. Jedes Mitgefühl aber istin sich selbst Wertgefühl, und Wertgefühl der höchsten Art,nämlich Gefühl eines Menschenwertes. Auch das Mitgefühl mitdem Tiere gründet sich auf die menschlichen Züge, die wir imTier finden oder zu finden glauben. Auch darin liegt objekti-viertes Selbstwertgefühl.
Hiermit nun ist das Grundwesen aller Tragik bezeichnet,der allgemeine Grund des „Vergnügens an tragischen Gegen-ständen“; dies Vergnügen ist der schmerzlich erhabene Genufsaus dem durch die Anschauung des Leidens vermittelten, darumdenkbar innigsten Miterleben der fremden Persönlichkeit.
Die tragische Persönlichkeit, so hat man gesagt, soll eingewisses mittleres Mats menschlicher Grötse überragen. DieseForderung darf nicht allzu streng genommen werden. Auchder sittlich arme und schlechte Mensch ist noch Mensch. Unddemgemäfs kann auch sein Geschick, sein Leiden und seinUntergang tragisch sein. Das Schicksal kann ihm hart mit-spielen, und wir können dadurch des Menschenwertes innewerden, der auch in ihm noch wohnt.
Und nicht nur der physische, sondern auch der moralischeUntergang des Menschen kann tragisch erscheinen. Ein Menschwird moralisch vom Schicksal zerrieben. Er verleugnet zuletztvöllig den Menschen in sich. Aber es war doch die Kraft zueinem Menschen in ihm. Dats sie zerstört wird, läfst auchihren Wert uns eindringlicher werden.
Freilich ist immer zu bedenken: Es handelt sich hier umden tragischen Genufs oder die tragische Erhebung, um denGenufs, der schmerzlich ist, darum aber doch Genufs bleibt.D. h. das Moment des Schmerzlichen ist im Gefühl der Tragikdem positiven Moment, dem erhebenden, notwendig unterge-ordnet. Wo nicht, so schlägt die Tragik in Abscheu, Wider-willen, Entsetzen um.
Diese Unterordnung besagt nun aber wiederum nicht etwadafs das Leiden nicht allzu grofs sein dürfe im Vergleich mitdem Menschenwert dessen, der leidet. Hier, so wenig wie sonst,