Sechstes Kapitel: Die Tragik.
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und es steigert sich, an eben der Stelle, wo die Hemmung,Störung, Unterbrechung stattfindet, ihre Höhe.
Oder mit einer anderen Wendung: Ich nehme an, ich erlebeirgend etwas. Aber was ich erlebe, ist nicht ganz, sondern nurein Teil; es ist ein Teilerlebnis, das seiner Natur nach odereinem allgemeinem psychologischen Gesetz zufolge hinweist aufeine Ergänzung oder Vollendung. Diese Ergänzung oder Voll-endung aber wird dem Erlebnis nicht zu teil; oder es wird ihmeine solche „Ergänzung“ zu teil, die ihm, seiner Natur oder derNatur des Geistes zufolge, nicht zugehört. Es bleibt also dasErlebnis in sich selbst unvollendet, oder es erscheint mit etwasFremdem behaftet. Dann bleibt mein innerer Blick bei dem Teil-erlebnis, er haftet insbesondere an dem Punkt, wo die Ergänzungoder Vollendung eintreten müfste, an dem, was auf dieselbehinweist, oder sie fordert; er haftet daran mit gesteigerter Kraft.
Der „Blick“, sage ich, haftet an diesem Punkt. Dies willsagen: Die Aufmerksamkeit bleibt dabei stehen und kon-zentriert sich darauf; sie tut dies in höherem Mafse, als siees tun wüde, wenn dieser Mangel oder dies Fremde sich nichtfände, wenn also das Erlebnis sich vollendete. Kurz, die Auf-merksamkeit „staut“ sich, so wie das Wasser, das im Begriffist, talabwärts zu fliefsen, an einem Wehr sich staut.
Ich sah etwa an einer bestimmten Stelle der Wand meinesZimmers immer wiederum ein bestimmtes Bild. Dann „gehört“dies Bild für mich an die Wand und an die bestimmte Stelle.Nun fehle plötzlich einmal das Bild an dieser Stelle. Dannvollendet sich die Wahrnehmung der Wand nicht so, wie sienatürlicherweise sich vollenden müfste. Die Folge davon ist, dafsdie leere Stelle mir auffällt; sie drängt sich mir auf, gewinntein psychisches Gewicht oder eine psychische Grörse, ganzanders als sonst. Sie hat für mich ein gröfseres psychischesGewicht, als sonst eine solche leere Stelle haben würde, undauch, als die Stelle früher hatte, als sie von dem Bilde aus-gefüllt war.
Ebenso nun bleibt auch bei den Erlebnissen, von denenich oben redete, der Zerstörung eines wertvollen Objektes, demTod eines Freundes, der Bestrafung des Verbrechers u. s. w. ein
Lipps, Ästhetik. 36