Sechstes Kapitel: Die Tragik
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Sechstes Kapitel: Die Tragik.
Luststeigerung durch Negation.
Mit dem, was soeben über die Lust gesagt wurde, die inder Wehmut liegen kann, ist noch nicht alles gesagt. Ich ver-mag, was ich verloren habe, nicht nur jetzt noch zu geniefsen,sondern ich geniefse es in gewisser Weise stärker. Dafs esverloren ist, macht mir seinen Wert eindringlicher; dieskann den Schmerz, aber auch die Lust erhöhen. Vielleichtschätzte ich das Verlorene wenig oder gar nicht, solange iches besafs.
Hiermit kommen wir auf einen schon berührten Punkt.Ich sagte, wenn ein Erhabenes oder positiv Wertvolles einenMangel an sich trage oder einen schädigenden Eingriff erleide,so könne der Schaden oder Eingriff, kurz die Negation, eineumso stärkere Unlustwirkung ausüben, je wertvoller uns das Er-habene oder Positive sei. Es könne aber auch umgekehrt durchdie Negation die Eindrucksfähigkeit des Positiven, dem sieanhaftet oder widerfährt, gesteigert werden.
Um den letzteren Sachverhalt nun handelt es sich hier.Wie gesagt, der Wert des Verlorenen wird mir eindringlicher.Ich füge gleich hinzu: Auch der Wert des wertvollen Objektes,das nur beschädigt ist, wird mir eindringlicher. Der Eingriffin den Bestand des Wertvollen steigert die Wertschätzung.
Im übrigen gehören hierhin allerlei Tatsachen. Ein Sprich-wort sagt: „De mortuis nil nisi bene“. Von den Toten sollman nur das Gute sagen, das man von ihnen sagen kann.Wir sollen dies, das will heifsen: So entspricht es unseremnatürlichen Gefühl. Dem Toten ist das in unseren AugenÜbelste widerfahren, das Nichtmehrsein. Und dies macht unsgegen ihn milde gesinnt.
Und wir sind versöhnt mit dem Verbrecher, wenn er seineStrafe erlitten hat. Wir nehmen für ihn Partei, er erscheintuns in gewisser Weise verklärt, wenn die Strafe uns eine zuharte scheint.