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1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
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Fünftes Kapitel: Ästhetische Mischgefühle.

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vielleicht noch weniger fremdartig, wenn ich an die Analoga aufdem Gebiete der Empfindung erinnere. Das Mischgefühl ent-spricht der Mischfarbe, etwa Rotgelb. Ich sagte vorhin, einGegenstand könne nicht zugleich schwarz und weifs gesehenwerden. Ebensowenig kann er zugleich rot und gelb gesehenwerden. Aber ich kann ihn rotgelb sehen. Und dann ist erin gewisser Weise doch rot und gelb zugleich. Ebenso nunkann ich auch mich zugleich lust- und unlustgestimmt fühlen,d. h. nicht lustgestimmt und unlustgestimmt, wohl aber lust-unlustgestimmt. Sowie Rotgelb eine einheitliche neue Farbe ist,und trotzdem rot und gelb zumal, so ist dies Lust-Unlustgefühlein neues Gefühl, schlierst aber zugleich Lust und Unlust insich; Lust und Unlust sind entgegengesetzte Momente in demeinheitlichen neuen Gefühl.

Oder ein anderes, vielleicht überzeugenderes Analogon: Esist unmöglich, dafs ich an derselben Stelle der Zunge süfs undsauer schmecke, aber ich kann an einer und derselben Stelleden Geschmack des Sauersüßen haben. Dies ist nicht süîsnoch sauer, wenn man unter beiden das versteht, was mansonst süfs und sauer nennt. Das Sauersüße schmeckt nichtwie das Süße und schmeckt nicht wie das Sauere, sondern eshat eine neue Qualität, nämlich die jedermann bekannte, die maneben mit dem Wortsauersüß bezeichnet. Darin sind Süfsund Sauer, nicht als Teile des einheitlichen Geschmackes, wohlaber als Momente in demselben.

In gleichem Sinne nun können auch in einem einheitlichenGefühle Lust und Unlust als Momente, in welche das Gefühlbei aller Einheitlichkeit auseinandergeht, enthalten sein. Auchein Gefühl kann sauersüfs oder bittersüß sein. Es kann in derLust etwas von Unlust stecken, ohne daß dadurch die Lustdurch die Unlust oder umgekehrt aufgehoben würde. Wirdürfen dann nicht sagen, dafs wir Lust und Unlust zugleichfühlen. Denn auch hier gilt: Die Lust, die wir in solchem Lust-Unlustgefühle fühlen, ist nicht die Lust, die wir sonst fühlen,wenn wir nur eben Lust fühlen, und die Unlust ist nicht dieUnlust, die wir fühlen, wenn wir nur eben Unlust fühlen; dieLust ist nicht lustig und die Unlust nicht unlustig, wie sonst.