554
Die Modifikationen des Schönen.
gehe zugleich, unbeschadet dieser Einheit und innerhalb der-selben , auseinander in gegensätzliche Gefühlsbestimmtheitenmeiner
Mischgefühle als Gefühlsdifferenzierungen.
Dieser Sachverhalt wird vor allem deutlich, wenn wir an-nehmen, der betrachtete Gegenstand entstehe für mich suk-zessive. Ich wähle als Beispiel die Melodie. Sie ist ein Ganzes;und dieses Ganze als Ganzes weckt ein eigentümliches Gefühl.Aber dies Ganze ist zugleich ein Zusammen von mehr oderminder selbständigen Teilen; und auch diese Teile fasse ichwiederum relativ für sich auf. Ich tue dies sukzessive, aber,wie ich schon ehemals sagte, nicht so, dafs ich jedesmal einenTeil über dem anderen verliere. Sondern ich nehme Teil zuTeil hinzu, um schliefslich das Ganze zumal innerlich zu haben.Und dabei verschmelzen nicht etwa die Teile in ein unter-schiedsloses Ganzes, sondern sie bleiben für mich gesondertoder bleiben für mich relativ selbständige Gegenstände meinerApperzeption.
Und demgemäfs habe ich nun auch, in dieser zusammen-fassenden Betrachtung der Melodie, innerhalb des Gesamtge-fühles, das der ganzen Melodie gilt, eine Mehrheit relativ selbst-ständiger Gefühle angesichts der einzelnen Teile. Ich habe jenach der Beschaffenheit derselben ein Gefühl der Freiheit undein Gefühl der Gebundenheit, des Leichten und des Schweren,des Vorwärtsdrängenden und Zurückhaltenden, der gröfserenoder geringeren Konsonanz bezw. Dissonanz. Nur dals allediese Gefühle sich einordnen in ein Gesamtgefühl, nämlich dasGefühl, das ich habe angesichts der ganzen Melodie.
Diesen Sachverhalt könnten wir auch, entsprechend unseremehemals festgelegten Begriff der „Differenzierung“, bezeichnendurch den Namen „Gefühlsdifferenzierung“. Einheitliche Gefühlekönnen zugleich mannigfach differenziert sein; das Gefühl an-gesichts der fertigen Melodie ist ein differenziertes oder einDifferenzierungsgefühl.
Diese differenzierten Gefühle, oder mit dem vorhin gebrauch-ten, üblicheren Namen, diese Mischgefühle, erscheinen schliefslich