Druckschrift 
1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
Seite
538
Einzelbild herunterladen
 

538

Die Modifikationen des Schönen.

fordern, und umsomehr fordern, je mehr Positives, d. h. je mehrKraft in dem Bösen ist. 1 )

Neben dieser Möglichkeit des negativ Erhabenen steht abereine zweite. DasNegative, von dem wir bisher redeten, warMangel, Nichtdasein einer Kraft, die wir fordern. Aber nebendem Mangel steht der Schaden, das einem Erhabenen zugefügteLeiden, der seinen Bestand und sein sich Auswirken undAusleben bedrohende und störende feindselige Eingriff. Neben/ dem Bösen steht das Übel. Vielleicht ist das Übel dem Er-habenen durch einen Willen zugefügt. Dann erscheint dieserals böse. Aber davon ist hier nicht mehr die Rede, sondernvon dem Übel, sofern ein Erhabenes davon betroffen ist.

Auch hier nun können wir wiederum sagen: Das Übelkann umso gröfser erscheinen, je erhabener, d. h. je positivwertvoller dasjenige ist, dem es zugefügt wird. In jedem Falleaber ist auch hier nicht das Übel oder die Zufügung desselbenerhaben, sondern das positiv Wertvolle, dem es zugefügt wird.

Schliefslich müssen wir aber in dem, was über beide Artendes negativ Erhabenen gesagt wurde, eine Umkehrung vor-nehmen. Ich sagte, wir fühlen den Mangel, der mit einemPositiven oder einer Kraft sich verbindet, umsomehr, jeerhabener dies Positive ist. Und wir fühlen das Übel umso-mehr, je gröfser und positiv wertvoller dasjenige ist, das davonbetroffen wird.

Von Beidem nun gilt auch die Umkehrung. Das Erhabenekann uns eindrucksvoller werden im Gegensatz zu dem Mangeloder dem Bösen, das ihm anhaftet; es kann uns bedeutsamerwerden durch das Leiden, von dem es betroffen wird.

Jemehr aber dies der Fall ist, destomehr wird das negativErhabene zu einem, obzwar eigentümlich gearteten positiv Er-habenen. So entsteht vor allem das tragisch Erhabene. Dochdamit haben wir es hier noch nicht zu tun.

Und allgemeiner müssen wir sagen: Alles negativ Erhabene,oder alles Negative an einem Erhabenen, kann, wie jedes Nega-

*) Vergl. hierzu:Die ethischen Grundfragen, Hamburg und Leipzig1899, S. 49ff.