Zweites Kapitel: Fortsetzung. Weitere Qualitäten des Lustgefühls. 519
kann, in wachsendem Grade, das an sich Widrige, also Unlust-volle, als konstituierendes Element in sie hineintreten. Trotzdieser unlustvollen Elemente kann eine solche Einheit lustvollsein. Sie ist es, solange noch das Gegensätzliche der Einheit,^oder das Unlustvolle dem Lustvollen sich unterordnet; ja, dieUnlustelemente steigern unter dieser Voraussetzung die Lustbis zu gewisser Grenze. Der Gegensatz oder Widerstreit wirkt,je nach seiner Beschaffenheit und seinem Verhältnis zur Einheitoder zum lustvollen Faktor, in dieser oder jener Weise dieWirkung des Ganzen belebend. Diese Belebung und Steigerungaber ist eine Belebung und Steigerung des Lustgefühls, so-lange dabei die Bedingungen der Lust im Ganzen die Oberhandbehalten.
Damit aber gewinnt zugleich wiederum das Gefühl eineneigenen Charakter. Vielmehr es ergeben sich hieraus diemannigfachsten neuen Gefühlscharaktere. Doch ist ihnen ,allen ein Charakter des Dissonanten, in sich Entzweiten oderGetrübten, gemeinsam. Sind die Gefühle Lustgefühle, so sindsie doch zugleich Gefühle von etwas Fremdem, Unlustvollem,das in die Lust hineinkommt.
Auch diese Gefühlsmodifikationen können wir schon ange- |sichts gewisser Klänge erleben. Ich denke an Klänge, derenObertöne nicht nur mannigfaltig sind, sondern teilweise inmehr oder minder dissonanten Beziehungen zueinander stehen,wie dies nach früher Gesagtem bei gewissen scharfen, oder ge-trübten, verschleierten Klangfarben der Fall ist. Wiederumbezeichnen wir die Klangfarben mit solchen Namen, weil indem Gefühl, das sie begleitet, etwas ist, eine Färbung, wie siesonst aus dem Scharfen, Getrübten, Verschleierten zu stammenpflegt, weil in diesem Gefühl der reinen Farbe der Lust einFarbenton beigemischt erscheint, wie von etwas an sich Ver-letzendem, Spannendem, Beunruhigendem, Herabstimmendem,kurz Unlustvollem. Dadurch wird, wie gesagt, innerhalb ge-wisser Grenzen die Lust nicht vermindert, sondern gesteigert,sie gewinnt aber eben zugleich diesen anderen Charakter.
Dieser dissonante Gefühlscharakter steigert sich, wenn wirzu reicheren Objekten übergehen, wenn etwa in Tonkunstwerken