520
Die Modifikationen des Schönen.
Dissonanzen scharf heraustreten, chromatische Gänge in sieeintreten, zu den Klangdissonanzen rhythmische Dissonanzenhinzutreten u. s. w.
Ein noch reicheres Feld für solche Gefühlscharaktere bietetaber die Poesie. Der Charakter des Dissonanten wird hier aus-geprägt und immer ausgeprägter, je mehr das innerlich, gemüt-lich, geistig Dissonante zur Herrschaft kommt; die Not, derKonflikt; die innere Entzweitheit und Zerrissenheit. Das Gefühldes Reizvollen wird zur Rührung, zur Wehmut, zum Lachen unterTränen. Es wird andererseits zum schmerzlichen Genufs. DasInteressante wird zum Pikanten, Anreizenden, Aufreizenden, Auf-regenden, die schlaffe Genußfähigkeit Peitschenden. Es entstehtdas Gewürzte und immer stärker Gewürzte, zuletzt das Gesalzeneund Gepfefferte. Der Genufs wird zum qualvollen oder unreinenGenufs am Hautgout, am Dekadenten, krankhaft Angefaulten,zur extatischen Lust am Perversen, an der Selbstzerfleischung,schließlich am selbstmörderischen Wahnwitz.
Hier ist dann aber zugleich der Punkt erreicht, wo dieLust in jedem Augenblick in Gefahr ist, in Unlust umzuschlagen.Und je mehr die Lust durch ein an sich Unlustvolles, Wid-riges, Häßliches gesteigert ist, desto heftiger ist der Umschlag.Die Extase wird zum Ekel.
Zusatz zu den „dissonanten Lustcharakteren“
Bedingung dafür, dafs solche Gefühle ihrem Grundcharakternach Lustgefühl bleiben, ist, wie gesagt, die Unterordnung derMomente der Unlust unter die Faktoren der Lust. Diese Unter-/ Ordnung aber ist nun nicht nur von der objektiven Beschaffen-heit jener Momente und dieser Faktoren, und ihrer Beziehungzu einander, abhängig, sondern sie ist zugleich individuell bedingt.
Und dabei bestehen zwei einander entgegengesetzte Mög-lichkeiten. Ich vertrage vielleicht eine starke Beimischung desan sich Unlustvollen zum Lustvollen, weil das Lustvolle so tiefauf mich wirkt, dafs es um dessenwillen in der Einheit derbeiden das herrschende Element bleiben kann. Oder aber ichvertrage die Beimischung, weil ich abgestumpft bin gegen das