Druckschrift 
1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
Seite
515
Einzelbild herunterladen
 

Erstes Kapitel: Qualitäten des Lustgefühls.

515

tung der beiden Gefühle. Tiefen Tönen, sage ich, eignet fürunser Gefühl Langsamkeit und Masse; dagegen eignet denhohen Tönen etwas Rasches und zugleich etwas Spitzes oderDünnes, kurz der Masse relativ Entbehrendes. Diese beiden Ge-fühlsgegensätze nun sind Gegensätze des Quantitätsgefühles.Auf die Frage aber, auf welcher Seite des Gegensatzes diegröfsere Quantität zu finden sei, lautet die Antwort entgegen-gesetzt. Masse einerseits, Dünnheit oder Spitzheit andererseits,verhalten sich qualitativ wie ein Mehr oder Minder. Dabeibezeichnet die Masse das Mehr, die Dünnheit das Minder.Dagegen verhält es sich umgekehrt mit der Langsamkeit undder Raschheit. Hier ist die Langsamkeit das Negative oder dasMinder, die Raschheit das Positive oder das Mehr. Wir müssenalso sagen, die tiefen Töne sind quantitativ mehr und zugleichweniger als die hohen, die hohen quantitativ weniger und zu-gleich mehr als die tiefen. Die tiefen Töne repräsentieren einMehr hinsichtlich der Masse, dagegen sind die hohen Tönemehr hinsichtlich desTempos.

So wird es gewifs für jedermanns Gefühl sich verhalten.Jedermann wird auf die Frage, worin einMehr liege, oderwas eine gröfsere Eindringlichkeit habe, der hohe oder dertiefe Ton, die Antwort geben, das komme darauf an, was manmit der Eindringlichkeit meine; der tiefe Ton sei eindringlicherin der einen, der hohe in der anderenHinsicht. Man wirdvielleicht genauer sagen, der hohe Ton seianspruchsvollerals der gleich starke tiefe, aber der tiefe sei oder in ihm liegemehr. Nun, damit ist eben das bezeichnet, was ich hier meine:Der tiefe Ton ist quantitativ mehr hinsichtlich seiner Masse oderseines Volumens; er hat mehr Körper; der höhere ist quantitativmehr hinsichtlich seines Tempos ; er hat eine raschere Ein-dringlichkeit.

Aber auch abgesehen davon, leuchtet das Recht der hiergetroffenen Unterscheidung ein. In dem tiefen Ton, sage ich hier,ist mehr Körper und geringere Raschheit. Richtiger ist: Ermutet mich an wie etwas Körperhafteres und Langsameres.Und dies kann ich genauer so ausdrücken, ich fühle mich vonihm angemutet wie von der körperlichen Masse, die langsam

33 *