Fünftes Kapitel : Symbolik der Sprache. Akustische und formale Elemente. 497
sich ausbreite, sagt mir nicht nur, was da ist und geschieht,sondern er gibt mir zugleich sein in den Berg, das Tal, dieEbene eingefühltes Tun, sein inneres Mitmachen, wodurch erstdas „sich Erheben“, „sich Erstrecken“, „sich Ausbreiten“ zustände kommt. So trägt schon jede gewöhnliche Mitteilung,vor allem aber jede rednerische oder poetische Darstellungeiner Sache, zugleich den in sie eingefühlten Menschen in sich.Das ideelle Ich, das ich in das Dargestellte einfühle, ist mirschon durch die Natur der Sprache gegeben.
Ein besonders geartetes, in diesen Zusammenhang ge-höriges Element der Symbolik liegt in gewissen assoziativenBestandteilen der Worterlebnisse. Gewisse Worte und Wen-dungen gehören erfahrungsgemärs einer bestimmten Sphäre an,dem Stall, der Gasse, dem „Volk“, der gebildeten Gesellschaft,dem poetischen oder wissenschaftlichen Sprachgebrauch. Damithaben sie einen bestimmten Beigeschmack oder eine Resonanz.Wir erleben mit ihnen zugleich, und in ihnen, das besondereLeben der „Sphäre“. Dasselbe gehört eben erfahrungsgemäfsdazu. Es ist mit ihm verwachsen.
Oder Worte sind abgeschliffen, andere eigenartig. Dieseletzteren fallen nicht nur auf, sondern es liegt in ihnen zu-gleich ein persönliches Element, ein Heraustreten des Rednersoder Dichters oder des ideellen Ich der Rede oder Dichtungaus dem Gewöhnlichen, eine Individualisierung desselben, damitzugleich eine Belebung, eine Steigerung. Ist diese uns nichtin ihrer Eigenart natürlich, so nennen wir die Wendung ge-sucht. Hier drängt sich das persönliche Element, das Heraus-treten aus dem Gewöhnlichen, störend auf. Dagegen bedeutetes uns einen Zuwachs, wenn wir es ohne Zwang innerlich mit-machen.
Um solcher Zutaten willen nennen wir die Worte selbsterhaben, niedrig, grob, fein, trivial oder individuell eigenartig.Wir sagen, sie „klingen“ so. Sie tun dies in der Tat in dem-selben Sinne, in welchem wir im stolz blickenden Auge denStolz „sehen“, in der Musik Jubel oder Klage oder Sehnsucht„hören“. D. h., wir erleben, was jene Worte sagen, unmittelbarin den Worten. — Es bedarf nicht der Warnung, dafs dies
Lipps, Ästhetik. 32