Zweites Kapitel: Einfühlung in Farben.
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achten. Das Rot der Lippen ist ein für allemal, wenn wir esan den Lippen sehen, Farbe des Lebens. Eine gewisse Farbeder Haut weist erfahrungsgemäfs auf Wetter und Wind, aufgrobe, materielle Arbeit; eine andere auf eine geistigere Weisedes Daseins und der Betätigung. Auch das Blau des Himmelsgehört ein für allemal zusammen mit dem hellen Sonnenlichteund allem dem, was dies uns sagt und bedeutet. Und dasGrün der Blätter gehört ebenso zum frischen und unver-kümmerten Pflanzenleben.
Diese Farben nun sind eben damit Träger oder Mitträgerdes betreffenden Lebens. Und je mehr sie es sind, desto mehrschwindet die Bedeutung, die der Farbe an sich zukommenwürde, zu Gunsten der Bedeutung, die sie als solcher Trägereines bestimmt gearteten Lebens der Dinge gewinnt.
Anders, wo die Farben wechseln, und das Leben erfahrungs-gemäfs dasselbe bleibt. Blumen können allerlei Farben haben.Es ist also nicht erfahrungsgemäfs an eine bestimmte Farbe derBlume eine bestimmte Art der Lebendigkeit gebunden. Darumgewinnt hier die Farbe selbst oder an sich erhöhte Bedeutung,d. h. es gefallen die Farben, die auch sonst, etwa als Farbendes Spektrums, gefallen würden. Und es mifsfallen die an sichmifsfälligen Farben.
Dies gilt noch mehr, als von der Farbe der Blume, vonder Farbe des Wassers, oder des Gesteins u. s. w.
Dies heifst doch nicht, dafs in solchen Fällen das Objektund seine Beschaffenheit für die Wirkung der Farbe keine Be-deutung habe. Auch wo die Farben wechseln, ist uns jedeFarbe eines Objektes, die uns bereits als Farbe dieses Objektesbekannt ist, ebendamit zugleich als Element des betreffendenLebenszusammenhanges bedeutsam. Wir verspüren umgekehrt,wenn ein Objekt in einer Farbe dargestellt ist, die an ihm er-fahrungsgemäfs unmöglich ist, den Widerspruch mit dem,was der Lebenszusammenhang fordert.
Im übrigen müssen wir noch unterscheiden zwischen derFarbe und dem Charakter, den die Farbe durch die Oberflächen-beschaffenheit des Objektes gewinnt, welchem die Farbe anhaftet.Das Rot einer Blume ist seiner Gesamtbeschaffenheit nach nicht
Lipps, Ästhetik. 29