446
Farbe, Ton und Wort.
In Wahrheit gehört die Stimmung zur Farbe in sehr vielunmittelbarerer Weise, als aus solchen Erfahrungsassoziationenbegreiflich würde. Sie gehört zu ihr in der Weise, wie jedemRhythmus eine Stimmung zugehört.
Wir sahen im Schlufskapitel über den Rhythmus allgemein:Jedes Erlebnis, das irgend einen bestimmten Erregungscharakteroder irgend welche Rhythmik der inneren Erregung in sichschliefst, hat eine Tendenz, die Seele überhaupt in entsprechen-der Weise zu rhythmisieren. Das Erlebnis schafft sich seineentsprechende psychische Resonanz. Es läfst diejenigen Weisendes inneren Erlebens überhaupt in uns Kraft gewinnen oderanklingen, die seinem eigenen Erregungscharakter gleichartigsind.
Solche Resonanz des Gleichartigen mufs nun auch dieeinzelne Farbe gewinnen. Jede Farbenempfindung ist, wieoben gesagt, eine eigenartige innere Erregung oder Bewegung.Dafs nun diese Erregung in der Tat die Fähigkeit besitzt, ver-wandte Erregungen oder Erregungsweisen zu wecken, oder an-klingen zu lassen, dies zeigt schon die Tatsache, dafs Farbenan Töne, etwa, wie schon oben angedeutet, tiefe Farben antiefe Töne erinnern.
Besteht aber eine solche Fähigkeit der Farbenempfindung,den in ihr liegenden Rhythmus weiterhin über die Seele aus-zustrahlen, so mufs diese Fähigkeit jederzeit bald mehr, baldminder sich verwirklichen. Und die Wirkung mufs auf allesdasjenige sich erstrecken, auf alle die in mir möglichen Er-regungen, Gedanken, Vorstellungen, auf die sie ihrer Naturnach sich erstrecken kann. Jene Fähigkeit der Ausstrahlungmufs zugleich umsomehr sich verwirklichen, je mehr ich derBetrachtung einer Farbe hingegeben bin. Dafs ich ihr „hinge-geben“ bin, dies sagt ja eben, dafs sie in mir das spezifischWirksame und mein inneres Geschehen Bestimmende ist. Siebestimmt dann vor allem den Gesamtwellenschlag meinesinneren Erlebens.
Jene Tendenz der einzelnen Empfindung, die Seele nachsich zu stimmen, wirkt sich zunächst aus in einer umfassendeninneren Lebensbetätigung. Wir können aber hinzufügen, sie