Drittes Kapitel: Die rhythmische Bewegungseinheit. 321
Damit ist doch nicht gesagt, date in der elementaren rhyth-mischen Bewegungseinheit die einander gegenüberstehendenHauptpunkte oder Betonungen am ersten Anfang, bezw. amletzten Ende der Einheit sich finden müfsten, d. h. date dieerste und die letzte Silbe der Silbenreihe, welche die Bewegungs-einheit konstituiert, betont sein oder einen Hauptton haben mürste.Hiermit wäre wohl die nach aufsen am meisten abgeschlosseneBewegungseinheit gegeben. Aber die Einheit wird nicht aufge-hoben dadurch, date die Bewegung, die zwischen Anfangshaupt-ton und Endhauptton verläuft, aufserdem einklingt und ausklingt,dafs die Bewegung zum Anfangshauptton hin- und über denSchlufshauptton hinausführt.
Die Bewegungseinheit als einfacher „Satz“.
Bleiben wir aber zunächst bei der allgemeinen Tatsache,dafs die elementare Bewegungseinheit zwei einander gegenüber-stehende Hauptpunkte erfordert, zwischen denen sie schwebt.Diese Forderung liegt, wie gesagt, in der Natur des Elementesder fortschreitenden Bewegung. Demgemäfs finden wir sie er-füllt in jeder psychischen Bewegung überhaupt, die als eine insich abgeschlossene sich darstellt. Dieselbe hat immer einen Aus-gangspunkt und einen Zielpunkt; sie vollzieht sich, indem einAusgangspunkt ins Auge gefafst wird, und von da die Bewegungzu einem Zielpunkte fortgeht.
So knüpft sich der Wunsch- oder Willensakt an eine Tat-sache, von der er ausgeht. Diese Tatsache ist das zunächst insAuge Gefafste. Von da geht der Wunsch oder Wille auf seinZiel. Und jedes Denken geht aus von einem Gegebenen, undgeht fort zu einem Gesuchten.
Mein Wünschen, Wollen, Urteilen aber kommt zum Aus-druck in der Sprache. Und demgemäfs prägt sich auch in derSprache jener Gegensatz des Ausgangs- und des Zielpunktesaus. Er prägt sich aber hier jederzeit zunächst aus im Gegen-sätze zweier Betonungen. Dies geschieht nicht nur in der poe-tischen, sondern in der Sprache überhaupt. Und date es in derpoetischen Sprache geschieht, hat seinen Grund nicht darin,
Lipps, Ästhetik. 21