Druckschrift 
1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
Seite
295
Einzelbild herunterladen
 

Erstes Kapitel: Die einfachsten Formelemente des poetischen Rhythmus. 295

Nun, damit haben wir dieBetonung. Sie besteht indieser stärkeren psychischen Wirkung. Ich betone jedesmalden ersten von zwei Taktschlägen, dies heilst: Obgleich dieTaktschläge an sich einander gleich sind, gewinnt doch jedes-mal die Wahrnehmung eines ersten von zweien in mir gröfseresGewicht, gröfsere Kraft, gröfsere Fähigkeit der psychischenWirkung. Dies zeigt sich unmittelbar darin, dafs er einenstärkeren Bewegungsantrieb auslöst.

Dies kann ich auch noch anders ausdrücken. PsychischeVorgänge oder Erlebnisse, z. B. Empfindungen oder Wahr-nehmungen, wirken in mir stärker, wenn sie intensiver apper-zipiert, zum Gegenstand gröfserer Aufmerksamkeit gemacht, vonder Auffassungstätigkeit kräftiger erfaßt sind, wenn die Auf-fassungstätigkeit mit größerer Energie auf sie gerichtet ist,sich in ihnen konzentriert, in ihrer Auffassung sich anspannt.Oder vielmehr: Etwas intensiver apperzipieren, zum Gegenstandgröfserer Aufmerksamkeit machen u. s. w., dies heilst garnichts, als es zu höherer psychischer Wirkung bringen, ihm-gröfsere. Kraft oder psychische Wirksamkeit verleihen. EinenTaktschlagbetonen, dies heilst also, ihn mit gewisser Inten-sität apperzipieren, oder in höherem Grade zum Gegenstandder Aufmerksamkeit machen. Es heilst, auf ihn apperzeptivenNachdruck legen, ihn apperzeptiv herausheben.

Eines fehlt hier nur noch. Jene stärkere psychische Wir-kung ist nicht an sich ein Bewufstseinserlebnis. Aber siespiegelt sich im Bewufstsein. Ich habe, wenn ich etwas intensivapperzipiere oder apperzeptiv heraushebe, ein entsprechendesGefühl, ein Gefühl der Spannung, der Anspannung, des Nach-druckes.

Damit nun ist der Tatbestand der Betonung vollständigbezeichnet. Die Betonung eines Taktschlages besteht darin,dafs die Auffassungstätigkeit in der Auffassung desselbennicht nur tatsächlich, sondern fühlbar in gewissem Gradegespannt ist; die Betontheit des Taktschlages als unmittel-bares Bewufstseinserlebnis besteht im Dasein diesesGefühles, und dem Bewufstsein seines Bezogenseins auf einenbestimmten Taktschlag.