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1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
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Fünftes Kapitel: Gleichgewicht und Bewegung. 285

die einseitig gerichtete findet aber auch sonst statt. Und siekann stattfinden in unendlich vielen Graden. So ist etwa auchdie antike Säule, die wir oben als eine entschieden sich auf-richtende bezeichneten, zugleich bald mehr, bald minderGegenstand einer symmetrischen Betrachtung; sie wirkt vonihrer Mitte aus nach oben und nach unten. Das Gleiche giltvon der attischen Basis u. s. w. Auch wo diese sekundäresymmetrische Betrachtung stattfindet, besteht ein Gleichgewichtentgegengesetzter Tätigkeit. Nur ist dies nicht das absoluteGleichgewicht gleicher Tätigkeiten. Ihr entspricht darum keineSymmetrie der Formen.

Das Gleichgewicht, von dem hier gesprochen wurde, istein Gleichgewicht räumlich getrennter, von einem Punkte aus-gehender oder auf einen Punkt hinzielender Funktionen. Imübrigen hat der Begriff des Gleichgewichts auf dem Gebieteder räumlichen Formen allgemeinste Anwendung. Wir sahen,jeder räumlichen Tätigkeit entspricht eine Gegentätigkeit, undjedesmal erhält sich das räumliche Gebilde vermöge des Gleich-gewichtes beider. Dieses Gleichgewicht ist ein Gleichgewichtüberall zumal gegebener, gegensätzlicher und sich durch-dringender Funktionen.

Innerhalb dieses Gleichgewichtes nun sind wiederum zweiMöglichkeiten zu unterscheiden: Das Gleichgewicht bestehtüberall, oder es entsteht sichtbar vor unseren Augen. Auchim letzteren Falle ist dies Gleichgewicht doch, da es in jedemAugenblick von neuem entsteht, nicht minder in jedemAugenblick tatsächlich gegeben.

Ich bezeichnete soeben dies Entstehen des Gleichgewichtesals ein Entstehen vor unseren Augen. Darauf ist Gewichtzu legen. Auch von der sich aufrichtenden vertikalen geradenLinie kann gesagt werden, dars in ihr ein Gleichgewichtent-stehe. Dieselbe hat im Anfangsmomente eine bestimmte Kraftdes sich Aufrichtens. Diese verzehrt sich in der Überwindungder Schwere. Die Linie ist zu Ende, wenn die aufstrebendeKraft und die Kraft der Schwere sich insGleichgewichtgesetzt haben. Hier ist also der Zustand des Gleichgewichtsim Entstehen der Linie geworden.