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1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
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Zweites Kapitel: Spezielleres zur Ästhetik einfacher Formen. 257

stehen das Ganze, wenn dieser Anspruch kein leerer Anspruchbleibt, d. h. wenn im Ganzen eine einzige Bewegung gesetz-mäßig sich verwirklicht, und zugleich in den einzelnen Teilendiese Bewegung der Gesamtlinie sich differenziert, d. h. wennzu der in ihr wirkenden Kraft in den einzelnen Teilen voneinander verschiedene und entgegengesetzte Kräfte hinzutreten.Auch in jenermodernen Linie ist eine Art der Differenzierung,aber eben in Form des stetigen Ineinanderübergleitens derTätigkeiten eines Individuums. Hier dagegen ist Differenzierungin Gestalt der relativ selbständigen Ausgestaltung von Indi-viduen in einem einzigen Gesamtindividuum.

Diese Differenzierung ist, ebenso wie jene, ihrem Wesennach nicht Differenzierung der Form, sondern der Kräfte, Tätig-keiten, Funktionen. In der innerlichen, gesetzmäfsigen Verwirk-lichung solcher Differenzierungen entstehen vor allem die um-fassenderen Formganzen. Je umfassender sie sind, umsomehrerfordern sie die relativ selbständige Individualität des Einzelnen,und schliefslich die in sich abgeschlossenen Einheiten in derGesamteinheit. Es bedarf nicht der besonderen Erwähnung,dafs diese Differenzierung nicht ein einfaches Differenziertseinist, sondern ein Sichdifferenzieren, ein Sichverselbständigen unddoch dienendes Sicheinordnen in das Ganze, in dem Sinn, indem Menschen sich verselbständigen, gegen einander sich be-haupten, und doch dienend einem Ganzen sich einordnen. Auchdies dienende Sicheinordnen ist ein Tun. Hierauf kommenwir weiter unten zurück.

Der dreidimensionale Raum.

Als Beispiel der geometrischen Formen dienten auch imVorstehenden wiederum zunächst lineare Gebilde. Aber wiegesagt: Es gilt völlig Gleichartiges, wie von den Linien, auchvon den Flächen und Körpern.

Hier interessiert uns nun aber noch speziell der irgend-wie geformte körperliche, d. h. der begrenzte dreidimensionaleRaum. Dieser kann ausgefüllt sein oder leer. Ist er ausgefüllt,so ist auch die Masse, abgesehen von der Form, lebendig; um-gekehrt ist aber auch die Form des geometrischen Körpers

Lipps, Ästhetik. 17