Neuntes Kapitel: Zusätze zur Natureinfühlung. 213
oder der Duft auf meinen Körper üben, begründet, kurz alsunmittelbar an meinen Körper, und erst mittelbar an denWald gebunden.
In dem Mafse aber, als dies geschieht, ist das gespendeteLeben kein Moment im Leben des Waldes mehr, sondern einMoment im Genufs meines eigenen, vom Leben des Waldesverschiedenen körperlichen Lebens. Der Wald ist insoweitnicht schön, sondern für den Genufs dieses eigenen, an diesenKörper gebundenen, Lebens nützlich. Er ist nur das, wasmir Gelegenheit gibt, etwas anderes, nämlich meinen Körper undmein körperliches Leben, in besonderer Weise mich genidsenzu lassen. Schönheit aber gründet sich auf Einfühlung; undEinfühlung ist ein Entrücktsein meiner; ein gedankliches Frei-sein von mir, aufser sofern ich in dem schönen Objekte be-trachtend bin, und mich fühle.
Solcher Gefahr zu entgehen, gibt es aber schliefslich nurein einziges Mittel. Ich mufs, um das Leben, das die Inhalteder niederen Sinne in sich schliefsen, ästhetisch zu geniersen,auf Empfindung verzichten. Ich murs sie genieîsen aus derEntfernung, d. h. in der bloßen Vorstellung.
Ich nehme jetzt an, ich ergehe mich im Walde — nichttatsächlich; sondern ich blicke auf den Wald hin. Ich seheden kühlen Schatten, oder ich sehe die saftige Frucht, sehedie Blume, an deren Form und Farbe der Duft erfahrungs-gemäfs gebunden ist. Jetzt erst kann ich mit Sicherheit vonmeinem realen Ich frei sein. Ich bin jetzt im Walde nur betrach-tend, und bin betrachtend inmitten der Kühle, und erlebe dieerfrischende Wirkung in meiner Betrachtung. Ich fühle sie,indem ich in das Gesehene versenkt bin, fühle sie also nur indem Walde, als etwas ihm Zugehöriges. Ich fühle ebenso dasErfrischende der saftigen Frucht in der Frucht, als ihre eigeneFrische, d. h. als diese eigenartige, innere Lebendigkeit. Ichfühle mich sympathisierend mit diesem ihrem Wesen.
Solcher ästhetische Genufs der Inhalte der niedrigeren Sinnewird mir aber schliefslich am sichersten zu teil in der Kunst.Dem Kunstwerk gegenüber ist keine Gefahr, dafs ich meinreales Ich zu diesen Inhalten in Beziehung setze. Die Kunst gibt