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1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
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109
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Zweites Kapitel: Die Ausdrucksbewegungen und die Einfühlung. 109

Einfühlung als Bedingung der Lust an Ausdrucks-bewegungen.

Darauf nun gehe ich hier, bei den Ausdrucksbewegungenoder den ausdrucksvollen Formen, näher ein. Vom intellektuellenVerständnis einer Form war soeben die Rede. Darauf aber zieltunsere gegenwärtige Betrachtung nicht ab, sondern sie zieltauf den ästhetischen Wert der Formen des menschlichenKörpers und auf unser Gefühl dieses Wertes. Unser Problemist die Freude oder das Mifsfallen an diesen Formen.

Die Gebärde des Stolzes erfreut mich. Wie ist dies mög-lich? Welche Bedingung muß erfüllt sein, wenn diese Freudestattfinden soll?

Damit ist schon vorausgesetzt, dafs die fragliche Gebärdenicht unter allen Umständen mich zu erfreuen braucht. Siekann mich auch verletzen. Nur nenne ich dann vielleicht dieGebärde nicht mehr Gebärde des Stolzes, sondern des Hoch-mutes. Die Gebärde des Hochmutes kann .mich aufs tiefsteverletzen.

Dies tut sie aber zweifellos, weil der Hochmut, derdarin sich kundgibt, mich verletzt. So erfreut mich auch dieGebärde desStolzes, ich meine des edlen Stolzes, weil derStolz, der darinliegt, mich erfreut.

Jetzt erhebt sich die Frage: Warum erfreut mich derStolz, dem ich bei einem Anderen begegne? Warum verletztmich der Hochmut?

Es gibt eine ethische Theorie, der zufolge lustbetonteAffekte in einem Anderen als solche Gegenstand meiner Lustsein müssten. Ich meine den sozialen Eudämonismus. Derselbeversichert, Lust, größtmögliche Lust in der Menschheit habefür uns natürlicherweise Wert. Die hierin liegende Voraus-setzung nun ist durch die soeben gemachte Bemerkung wider-legt. Auch der Hochmut ist für denjenigen, der ihn fühlt,lustvoll. Trotzdem verletzt er mich. So können überhauptlustbetonte Affekte eines fremden Individuums einmal micherfreuen, ein andermal mich verletzen.