58
Die allgemeinen ästhetischen Formprinzipien.
Gunsten der Höhenausdehnung; dafs die Breitenausdehnungmehr oder minder in die Höhenausdehnung als ein Moment inihr oder eine Bestimmung an ihr aufgenommen ist. Das frag-liche Rechteck ist seinem eigentlichen Wesen nach nicht einhorizontal und vertikal ausgebreitetes, sondern es ist das letztere.Es ist ein stehendes oder sich aufrichtendes Rechteck. Dassich Aufrichten ist die Funktion oder die Verhaltungsweise desRechtecks. Die Breitenausdehnung dagegen ist die Weise, wiediese Funktion sich vollzieht. Das Rechteck richtet sich auf,aber es tut dies in gewisser Breite. Das sich Aufrichten istein in solcher Weise näher charakterisiertes. \Wir könntendiese Unterordnung auch als attributive bezeichnen. In der Tatcharakterisiert eine gleichartige Unterordnung das logische Attributim Vergleich zu dem, dessen Attribut es ist.\
Dieser immanenten Unterordnung nun steht gegenüber dieUnterordnung im Nebeneinander, d. h die Unterordnung einesTeiles des Ganzen unter einen räumlich oder zeitlich danebenstehenden Teil. Beispiele sind die Unterordnung der Seiten-flügel eines Baues unter den Mittelbau, oder der sich durch-kreuzenden Schiffe eines Domes unter die kuppelüberwölbteVierung, die Unterordnung der „begleitenden“ Stimmen unter die„führende“ Melodie, der unbetonten Elemente eines rhythmischenGanzen unter die betonten, die Unterordnung der Gestalteneines Bildes unter eine, das Ganze dominierende Gestalt u. s. w.
Auch hier bezeichnet die Unterordnung jenes Hineingenommen-sein Eines in ein Anderes, nämlich des Untergeordneten in dasÜbergeordnete oder Herrschende. Auch hier ist Jenes, je nachdem Grade der Unterordnung, nicht mehr für sich da, sondern„um“ des Herrschenden „willen“, als ein zu ihm „Gehöriges“, ihmAnhängendes, ihm Dienendes, darauf Hinweisendes, als etwas,das ich „im Hinblick“ auf das Herrschende betrachte oder unterden „Gesichtspunkt“ desselben stelle. Auch hier besagt die Unter-ordnung, dafs das Ganze in dem Herrschenden sich zusammen-fafst, für meine Auffassung darin sich verdichtet, darin seinenSchwerpunkt hat, kurz mir in besonderem Mafse in ihm ge-geben ist. Ich nenne etwa ein Landschaftsbild „die Mühle“,obgleich die Mühle nicht das einzige in ihm Dargestellte ist.