Druckschrift 
1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
Seite
46
Einzelbild herunterladen
 

46 Die allgemeinen ästhetischen Formprinzipien.

Linie liegt: Die verschiedenen Teile sind die sukzessiven Momente,in welchen die einheitliche Bewegung sich verwirklicht. Sie sinddas diese Bewegung Differenzierende. In dieser Differenzierungliegt wiederum die Unterordnung ohne weiteres eingeschlossen.

Das Aufsereinander der Teile ist aber in der einfachengeraden Linie keine Herausgelöstheit oder Losgetrenntheit, keineDiskretheit. Die Teile gehen räumlich stetig ineinander über,oder hängen stetig zusammen. Dadurch wird die Einheitlich-keit zu einer besonders innigen.

Zugleich widerspricht dieselbe doch nicht dem Bedürfnis,Teile für sich, und in ihrer Besonderheit, apperzeptiv herauszu-heben. Ich kann in der geraden Linie beliebig diesen oder jenenTeil für sich auffassen. Sie fordert nicht bestimmte Einzel-auffassungen, aber sie erlaubt sie. Man vergleiche mit diesergeraden Linie die Linien, von denen ich oben sprach, die regel-los die Richtung wechselnde, und die annähernd gerade.

Die Differenzierung in der geraden Linie ist aber vermögejenes stetigen Aneinander der Teile die einfachste und insofernunvollkommenste. Die Selbständigkeit der differenzierendenMomente ist eine möglichst geringe.

In diesem Punkte nun tritt zur einfachen geraden Linie jeneFolge von Quadraten und Kreisen in vollsten Gegensatz. Dafinden wir an Stelle des stetigen Aneinander die Teilung,und weiter die Besonderung, die räumliche Lostrennung derTeile voneinander; und wir finden endlich die selbständige undgegensätzliche qualitative Ausgestaltung der Quadrate einer-seits, und der Kreise andererseits.

In der Mitte zwischen diesen beiden Beispielen derdiffe-renzierenden Unterordnung steht etwa die rechtwinkeligeAneinanderfügung gerader Linien oder Stäbe, wie sie beimMäanderband stattfindet. Die Grundrichtung eines solchenMäanderbandes sei die horizontale. Dann stellt sich das Ganzezunächst dar als einheitliche, horizontale, zugleich in bestimmterBreite geschehende Ausdehnung. Dies Einheitliche aber differen-ziert sich in den aufeinanderfolgenden Stäben nach den beidenabsolut verschiedenen Grundrichtungen. Stäben, die horizontalverlaufen, folgen jedesmal vertikal gerichtete, und umgekehrt.