Druckschrift 
1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
Seite
47
Einzelbild herunterladen
 

Drittes Kapitel: Gesetz der Einheit in der Mannigfaltigkeit. 47

Aber eben in diesem Gegensätze wirken die Stäbe zusammenzu dem Ganzen, das einheitlich in beiden Richtungen zumalsich entfaltet.

Zu diesem Gegensatz tritt dann beim Mäanderband gleich-zeitig auch noch der ebenso deutliche Gegensatz und das un-mittelbare Gegeneinanderwirken der Bewegung von unten nachoben und von oben nach unten; und weiterhin, wenn dasMäanderband reicher gegliedert ist, der Gegensatz und dasGegeneinanderwirken der Vorwärts- und Rückwärtsbewegung,des Fortschrittes und der Zurückhaltung. Daraus ergibt sicheine ästhetische Einheit in einem mehrfachen Gegensatz, einreich bewegtes und doch eng geschlossenes Ganze.

Andere Formen bringen uns wiederum der geraden Linie,von der wir ausgingen, näher, ohne uns doch zu ihr zurück-zuführen. Der Gegensatz, der im Mäanderbande stattfindet, istüberall ein schroffer und harter. Darin liegt Kraft und eineigenartiger Wert. Dieser Gegensatz kann aber, ohne zuschwinden, sich mildern. Damit entsteht eine neue Art derDifferenzierung, die wiederum ihren eigenen Wert besitzt.

Gemeint ist zunächst dies: Es kann in das Gegensätzlicheselbst unmittelbar das vereinheitlichende Gemeinsame oderein vereinheitlichendes Gemeinsame eingehen, ohne dafs darumdoch das Eine und das Andere seine Selbständigkeit verliert. Eswird etwa der einfache Mäander zum Zickzackornament, in wel-chem die horizontale und die vertikale Richtung sich zur schrägenvereinigen. Dabei bleibt für uns oder unseren unmittelbarenEindruck die einheitliche Grundrichtung als etwas durchaus fürsich Auffafsbares bestehen. Es bleibt andererseits ebenso derklare Gegensatz der horizontalen und der vertikalen Bewegung.Aber nicht mehr in Gestalt des Nebeneinander: Die eine schrägeBewegung ist beides zumal, horizontale und vertikale Bewegung.Es bleibt ebenso der Gegensatz des Auf und Ab. Aber nichtschlechthin für sich, sondern zugleich verbunden mit der ein-heitlichen Vorwärtsbewegung.

Auch diese Differenzierung nun ist, obgleich sie das Verein-heitlichende in die Glieder und ihren Gegensatz selbst mit auf-nimmt, noch Differenzierung eines Ganzen durch gesonderte