Druckschrift 
1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
Seite
39
Einzelbild herunterladen
 

Drittes Kapitel: Gesetz der Einheit in der Mannigfaltigkeit. 39

wissem Grade verschieden. Aber eben dies ist das volleGegenteil der ästhetischen Einheit. SolcheEinheit in derMannigfaltigkeit ist in Wahrheit weder Einheit noch Mannig-faltigkeit. Sie ist keines von beiden, weil sie ein Mitteldingzwischen beiden ist. Beide treten nicht einander gegenüber.Darum können sie auch nicht wahrhaft ineinander sein.

Oder: Blau und Violett stehen nebeneinander. Beidehaben ein Gemeinsames. Sie sind nicht nur beide Farben,sondern haben auch als Farben etwas spezifisch Gemeinsames.Violett ist bläulich; oder es ist Blau; nur eben Veilchenblau.Zugleich sind beide wohl unterschieden. Aber eben dies, dafsViolettBlau ist, und doch wiederum nicht das Blau, das indem Blau mir entgegentritt, macht, dafs beide dissonieren. IhrZusammen ist unerfreulich.

Oder: Neben dem Ton C erklingt der Ton Cis. Beide stehensich nahe. Sie haben das Gemeinsame, demselben eng begrenztenTonhöhenbezirk anzugehören. Zugleich sind sie verschieden.Sie bilden also eineEinheit in der Mannigfaltigkeit. Aberauch diese Einheit ist nicht erfreulich. Es fehlt, dafs in beidenTönen ein Gemeinsames heraustritt, und beide Töne als Diffe-renzierungen dieses Gemeinsamen erscheinen. Beide Töne sindeinander ähnlich. Aber Ähnlichkeit ist nicht ästhetische Ein-stimmigkeit. Ja sie ist, wofern sie b lofs e Ähnlichkeit ist, alsonicht Ungleichheit in der Gleichheit, sondern ein Zwischenliegendes,lediglich gradweise das eine und das andere, das volle Gegen-teil der ästhetischen Einstimmigkeit oder Einheit des Mannig-faltigen.

Beispiele der ästhetischen Einheit des Mannigfaltigen.

Diesemästhetischen Widerstreit stelle ich jetzt in be-sonderen Beispielen die ästhetische Einheit in der Mannigfaltig-keit gegenüber.

Ich setze etwa neben ein Quadrat ein Rechteck; oder lassein einer Reihe Quadrate und Rechtecke regelmäfsig wechseln.Die Höhe der Rechtecke sei gleich der Höhe der Quadrate, ihreBreite gröfser, aber wenig merklich gröfser. Diese Figuren