Drittes Kapitel: Gesetz der Einheit in der Mannigfaltigkeit. 37
Einfachste Beispiele mögen zunächst verdeutlichen, was hiergemeint ist. Eine Linie sei überall Linie, und Linie von der-selben Dicke. Auch die Farbe sei die gleiche. Die Richtungaber wechsle beliebig. Diese Linie zeigt Einheit und Mannig-faltigkeit; aber beides nebeneinander. Es ist in ihr Einheitder Linearität und der Farbe, und daneben Verschiedenheit derRichtung. Aber es fehlt die ästhetische Einheit in der Mannig-faltigkeit. Eine solche läge erst vor, wenn die Verschiedenheitder Richtung in sich selbst ein einheitliches, klar heraus-erkennbares Gesetz verwirklichte.
Oder zwei Klänge, jeder von ihnen, wie es in der Naturder „Klänge“ liegt, aus mehreren Teiltönen bestehend, habeneinen oder mehrere Teiltöne gemein; die übrigen Teiltöne sindverschieden. Dann sind die beiden Klänge Eines in diesemeinen Punkt, diesem Teil oder Stück. Auch dies ist Einheitund daneben Mannigfaltigkeit. Aber es ist keine ästhetischeEinheit. Es ist insbesondere nicht die ästhetische Einheit, diewir meinen, wenn wir von „Klangverwandtschaft“ sprechen.
Eine solche besteht nun zwischen Klängen der bezeichnetenArt tatsächlich. Aber aus anderem Grunde. Nämlich weiljeder der Klänge einen „Grundrhythmus“ hat, und alle seineTeiltöne Differenzierungen sind dieses Grundrhythmus; undweil dieser Grundrhythmus in beiden Klängen identisch ist,also auch das Ganze aus den beiden Klängen als eine, undzwar reichere Differenzierung dieses identischen Grundrhythmussich darstellt. — Hiervon später Genaueres.
Und doch hat man gemeint, auf jenes blofse Zusammen-fallen von Teiltönen zweier Klänge die musikalische Verwandt-schaft, also die ästhetische Einheitlichkeit zweier Klänge, gründenzu können.
Andere meinen, die Konsonanz zweier einfacher Töne,— die auch schon eine ästhetische Einheit ist, — auf die An-nahme gründen zu können, dafs, vermöge der Einrichtung desOhres, die nervösen Prozefse, denen die konsonanten Töne ihrDasein verdanken, einen Bestandteil gemein haben. Darin liegtdas gleiche Versehen. Ob die Töne oder die ihnen zu Grundeliegenden nervösen Prozesse einen Teil gemein haben, ist für