Druckschrift 
1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen
 

36

Die allgemeinen ästhetischen Formprinzipien.

wendig itn Ganzen Herrschende. Die Einordnung würde in eineblofse Nebeneinanderordnung sich verwandeln, die Gliederungoder Differenzierung würde zu einem Zerfallen in Teile,wenn diese Herrschaft des Gemeinsamen fehlte oder zweifel-haft würde.

Zur genaueren Bestimmung füge ich gleich noch hinzu:

Jenes Eine oder Gemeinsame kann allerlei Namen tragen.Es ist ein deutlich heraustretendes, mit sich identisches Grund-gesetz, eine Grundform, ein beherrschender Grundzug, eingleichartiges Bildungsgesetz, ein Grundrhythmus, oder einewiederkehrende Grundrhythmik, d. h. eine allgemeine Weise derseelischen Bewegung oder Erregung, die in einem Mannigfaltigenrepräsentiert ist.

Und das Mannigfaltige ist je nachdem Nebeneinander oderFolge unterschiedener Weisen oder Momente der Verwirklichungdes Grundgesetzes, verschiedene Ausgestaltung der Grundformoder des Grundzuges, Auseinandergehen des Bildungsgesetzesin Einzelbildungen, Differenzierung des Grundrhythmus u. s. w.

Ästhetischer Widerstreit.

Damit nun ist das Wesen aller ästhetischenEinheit in derMannigfaltigkeit bezeichnet. Sie besteht in dieser innerenEinstimmigkeit des zugleich sich besondernden Mannigfaltigen,in diesem Einklang im Auseinandergehen.

Dagegen entsteht kein ästhetisches Ganzes, wenn der Auf-fassungstätigkeit zugemutet wird, ein Mannigfaches zur Einheitzusammenzufassen, das doch in sich selbst keine Einheit ist,sei es, dafs das Moment der Einheitlichkeit überhaupt fehlt, seies, da[s dasselbe nur neben den Momenten der Verschiedenheitsteht. Und es entsteht der volle ästhetische Widerstreit, wenndas Mannigfaltige zur Einheitsapperzeption auffordert, und dochwiederum sie verbietet, d. h. wenn das Mannigfaltige irgendwieals Dasselbe erscheint und doch wiederum nicht als Dasselbe,ohne dafs dasjenige, worin es als Dasselbe erscheint, unddasjenige, worin es verschieden ist, sich scheidet und sichgegenübertritt, und Dieses Jenem sich ein- und unterordnet.