Druckschrift 
1 (1903) Grundlegung der Ästhetik
Entstehung
Seite
19
Einzelbild herunterladen
 

Zweites Kapitel: Gesetz der Einheitlichkeit.

19

Teil zu Teil immer wiederum aufDasselbe trifft. Wir gewinnenvermöge dieses Umstandes leichter das sichere Bild von demGanzen, auf das wir abzielen. Darauf beruht hier die Lust.

Statt dessen nun können wir auch sagen : Die geometrischregelmäfsigen Gebilde sind Gegenstand der Lust, weil die Auf- 1 )fassung derselben, als eines Ganzen, der Seelenatürlich ist, joder weil sie in besonderem Mafse einemZug in der Natur/oder imWesen der Seele gemäfs ist.

Dies bestimmen wir aber im folgenden näher. Das All-gemeinste, was wir von der Seele sagen können, ist, dafs siéeine Einheit ist. Natürlich kann sich uns diese Einheit derSeele nur zu erkennen geben in ihren Betätigungen. Für dieseaber gilt ein allgemeines Gesetz, das besagt: ln der Natur derSeele liegt die Tendenz, jedes Mannigfaltige, das ihr zumalgegeben ist, in eine Einheit oder in ein einheitliches Ganze zu-sammenzufassen, oder es in einen einzigen Akt der Auffassungs-tätigkeit, der Aufmerksamkeit, der Apperzeption zusammen-zuschliersen. Dies Gesetz bezeichnen wir kurz als dasGesetzder Einheit.

Hiermit nun ist, wie man sieht, ein allgemeinsterZugin derNatur der Seele bezeichnet. Und damit haben wir zu-gleich eine allgemeinste Antwort auf die Frage gewonnen, wannin uns ein Lustgefühl entsteht. Nämlich dann, wenn einMannigfaltiges, das uns zumal gegeben ist, diesem Zug inder Natur der Seele gemäfs ist, ihm von selbst sich fügt,ihm entgegenkommt, wenn also ein Mannigfaltiges michzur Zusammenfassung in ein Ganzes oder in eine Einheitseiner eigenen Natur zufolge auf fordert.

Jetzt fragt es sich aber, wann dies letztere der Fall ist.Darauf gibt ein weiteres doppeltes psychologisches Grundgesetzdie Antwort.

Wir können dasselbe zunächst mit einem einzigen Namenbezeichnen, nämlich als Gesetz der Einheitlichkeit. Damit unter-scheiden wir also ein Gesetz derEinheit und ein GesetzderEinheitlichkeit.

Dies letztere Gesetz geht aber auseinander in zwei Gesetze.Es ist einerseits ein Gesetz der qualitativen, andererseits ein