VI. Theil.
Latinisirungen und Graecisirungendeutscher Familiennamen.
Als in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts dasStudium der Sprachen und. Litteraturen des classischenAlterthums nach langem Schlafe wieder zu neuem Lebenerwachte und während der Dauer des ganzen 16. Jahr-hunderts — besonders aber in dessen erster Hälfte — soüppig emporblühte, dass die deutschen Gelehrten jener Zeitihre Muttersprache als eine barbarische Zunge möglichst zuGunsten des Lateinischen und Griechischen — namentlichin den Schulen — zu unterdrücken suchten und die deut-schen Kindlein beklagten, weil sie nicht gleich, wie einstdiejenigen Kom’s, mit der Sprache Cicero’s und Virgil’saufgezogen wurden, da konnten es die im Humanismusgänzlich aufgehenden Gelehrten, Schulmänner und studirtenJuristen nicht mehr ertragen, mit ihren schlichten deutschenFamiliennamen genannt zu werden, sondern sie übersetztendie Letztem in’s Lateinische oder Griechische, indem sieentweder ihrem ehrlichen deutschen Namen ein lateinischesoder griechisches Schwänzchen anhängten, wodurch Namenwie Lutz und Kurz zu Lucius und Curtius wurden, oderindem sie ihren Namen, so gut es eben angieng, seinemSinne und seiner Bedeutung nach in eine der beiden classi-schen Sprachen übertrugen, so dass ein Schwarzerd in einenMelanchthon, ein Holzmann in einen Xylander, ein Bauerin einen Agricola sich verwandelten. Damit war jene Klasseder Familiennamen geschaffen, deren Entstehungszeit —