Druckschrift 
Bernatzik-Vogl's Lehrbuch der Arzneimittellehre : mit besonderer Berücksichtigung der österreichischen und deutschen Pharmakopoe
Entstehung
Seite
874
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

874

VIII. Neurotica. Nervenmittel.

I

oleosa und 2 gtt. Ol. Menth, pip., 2—3mal 30 gtt. in 1 / 3 Glas Zuckerwasser, mit der Dosisallmählich steigend bis auf 50—70 gtt., entsprechend 0,1—0,3 Aethylenum bromatum),auch in alkohol. Solut. oder in Mischung mit Ol. Amygdal. in Gallertkapseln. Zur Hervor-rufung allgemeiner Anästhesie ungeeignet und gefährlich.

Bromoformium, Bromoform, Formyltribromid. Farblose, chloroformähnlichriechende, schwere (spec. Gew. 2,5), bei 152° siedende, leicht in Alkohol, wenig in Wasserlösliche Flüssigkeit, wurde von Nunneley (1849) in die Therapie eingeführt und vonverschiedenen Seiten als locales und allgemeines Anästheticum, als Sedativum undHypnoticum, dann auch als Antisepticum empfohlen. Neuerdings spielt es als Keuch-husteninittel eine Rolle.

Beim Menschen erzeugt Bromoform Narkose ohne vorausgehendes Exeitations-stadium. Die Anästhesie erfolgt langsamer als mit Chloroform. Dabei soll nach Eintrittder Narkose die Respiration nicht beeinträchtigt, auch der Blutdruck wenig herabgesetztwerden. Doch ist Bromoform giftiger als Bromätlryl; 0,14 pro Kilogramm tödtenKaninchen unter Erscheinungen von Dyspnoe , Sopor und starker Verlangsanmng derRespiration (Bonome und Mazza 1884). Seit seiner Anwendung als Keuchhustenmittelsind ziemlich zahlreiche Fälle von Intoxication (16 nach der Zusammenstellung vonReinecke 1898) mitgetheilt worden bei Kindern von 3 Monaten bis ö'/a Jahren. DieMengen, um die es sich hiebei gehandelt hat, liegen zwischen 15 Tropfen und circa5,0—7,0. Selbst nach diesen letztgenannten Mengen wurde Wiederherstellung gesehen.

Die wesentlichsten Symptome waren: Rascher Verlust des Bewnsstseins, zuweilenrauschartiger Zustand, Erschlaffung der Extremitäten: dieReflexe, Sensibilität und Schmerz-empfindung erloschen, Cyanose, Blässe des Gesichts, Puls- und Respirationslosigkeitoder sehr frequente, oberflächliche, zeitweise aussetzende Athmnng, Asphyxie, hoch-gradige Myose, Trismus etc. Intensiver Geruch der Exspirationsluft nach Bromoform;im Harne Brom nachweisbar. Bromoform wirkt zunächst auf das Sensorium, dannauf das Athmungscentrum, zuletzt auf das Herz.

Therapeutische Anwendung. Früher extern zu Inhalationen statt Chloro-form in der Chirurgie (v. Horoch), intern bei schweren Neurosen, namentlich auchgegen Epilepsie (Bonome und Mazza). Jetzt fast nur gegen Keuchhusten, seitdemSlepp (1889) darauf aufmerksam gemacht hat. Die von ihm erhaltenen günstigen Er-folge werden von verschiedenen Autoren bestätigt (Schippers 1891, Cassel 1892 u. a.).

Intern gegen Keuchhusten bei Kindern 3—16 gtt. (bei '/Jährigen 3 gtt., bei1jährigen 5 gtt., bei 3jährigen 10 gtt., bei 8jährigen 16 gtt.) 3mal täglich (Stej>p 1895)mit Wasser oder in Emulsion (1,2 [45 gtt.] Bromof., 15,0 Ol. Amygdal., 10,0 GummiAcac. in p., 30,0 Syr. simpl., 65,0 Aq. dest. theelöffelweise, Gay 1896) oder in alkoholischwässeriger Solution (Bi'omof. 10 gtt., Spirit. Vini 4,0, Aq. dest. ad 100,0; 1—2stündl.1—2 Kinderlöffel). Bei Erwachsenen auch bei chron. Bronchitis, Lungentuberculose etc.

Bromalum hydratum, Hydras Bromali, Bromalhydrat, Tribromaldehyd(Gj Br 3 OH -j- H a 0), farblose, in Wasser und Alkohol leicht lösliche, neutral reagirendeKrystalle von stechend aromatischem Geruch und scharfem kratzenden Geschmack.Mit Natronlauge geschüttelt, zerfällt die Verbindung, analog dem Chloralhydrat, zuameisensaurem Natron, welches in Lösung übergeht und in Bromoform (CHBr 3 ),das sich in wasserklaren, schweren Tropfen zu Boden senkt. Bei Kalt- und Warm-blütern bewirkt Bromalhydrat in verhältnissmässig kleinen Dosen (0,06—0,09 beiKaninchen) nach einem unter vermehrter Secretion der Bindehaut, Mund- und Rachen-schleimhaut kurz vorangehenden Reizungsstadium Hypnose und Anästhesie, zugleichAbnahme der Puls- und Respirationsfrequenz, in letalen Dosen ein allmähliches Er-löschen der unregelmässig werdenden Herzaction (Steinerner 1870, Dougal, Rabuieauw.. a.).

Es ist ein intensives Herzgift, das die automatischen Centren, wie auch denHerzmuskel lähmt, die Erregbarkeit der Rückenmarksganglien, der pheripherischen Nervenund der Muskeln herabsetzt (Lewisson, Hamack und Witkowshy), Nach seiner Ein-verleibung im Organismus wird Brom frei und, an Alkali gebunden, hauptsächlich mitdem Harne abgeführt.

Therapeutisch wurde Bromalhydrat intern gegen Epilepsie und Tabes zu0,05—0,1—0,5! p. d., 2—4mal tägl. in Pillen (mit Natrium bicarbonic.) und in Gelatin-kapseln empfohlen (Steinerner) ; die Lösung schmeckt widerlich kratzend und grösserearzneiliche Dosen bewirken leicht Erbrechen und Durchfall (Berti und Namicts).

Bromalinum (Hexamethylentetraminbromäthylat), ein farbloses, krystallinisches,in Wasser leicht lösliches Pulver, an Stelle der Bromalkalien bei Epilepsie und Neur-asthenie von französischen Aerzten empfohlen in Pulvern oder Mixturen zu 1,0 pro dos.

Camphora monobromata, siehe pag. 634.

A