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VII. Acria (Irritantia). Scharfstoffige Mittel.
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Die Frage nach der Wirkungsweise und nach der therapeutischen Bedeutung' derHautreizmittel, die seit alters eine hervorragende Bolle in der Heilkunde spielten, haterst in neuerer Zeit durch die experimentellen Untersuchungen von C. Naumann (1863,1867) und mehrerer anderer Forscher (Schiff, v. Bezold, Rührig, Zuntz, Heidenhain,Paalzow-Pflüger, Ainslie, Hollis etc.) eine eingehendere Behandlung und wenigstensbis zu einem gewissen Grade eine befriedigende Lösung gefunden.
Zur Erklärung ihrer therapeutischen Leistung hat man früher angenommen, dassdurch die von ihnen auf der Haut hervorgerufenen Veränderungen eine directe Ableitungdes Blutes aus dem erkrankten Theile nach aussen zustande kommt und selbst Krank-heitsstoffe (verdorbene Säfte, Schärfen) aus dem Körper herausgelockt und ausgeschiedenwerden können (Derivantia, Revulsiva).
Einzelne, selbst hervorragende Praktiker haben noch vor kurzem, im Gegensatzezu den Anschauungen älterer Aerzte, den Hautreizmitteln eine wesentliche therapeutischeWirksamkeit abgesprochen und dabei verschiedene, aus ihrer Anwendung sich ergebendeNachtheile, ja selbst Gefahren, hervorgehoben. So tadelnswerth auch der Missbraucherscheint, der noch vor wenigen Decennien mit der Application der Epispastiea getriebenwurde, so würde man doch zu weit gehen, diesen Theil des Heilapparates als nutzloszu verwerfen. Die neueren Untersuchungen lehren, dass die Erregungen, welche diesensiblen Nervenendigungen in der Haut treffen, zu den centralen Ganglien fortgeleitetund von diesen bei normaler Erregbarkeit nach den Nervenbahnen der Circulationsorganeübergeleitet werden. Auf diese Weise kommt es reflectorisch zu Aenderungen in derAction des Herzens und in den Spannungsverhältnissen der Gefässwände, derart, dassdiese, je nach der Stärke des Hautreizes, erhöht oder herabgesetzt werden. Mit Hilfeder Epispastiea sind wir daher imstande, die Bewegung, den Druck und die Vertheilungdes Blutes und damit die Ernährung, die Seeretionen, den Stoffwechsel in mannigfaltigerWeise zu beeinflussen.
Naumann fand, dass relativ schwache Hautreize aller Art reflectorisch Veren-gerung vieler peripherer Arterien veranlassen, infolge dessen der Blutdruck, die Energieund die Frequenz der Herzaction erhöht werden bei Verlangsamung der Athembewegnngen,wogegen starke und schmerzhafte Hautreize im Gegentheil die Herzaction in Hinsichtauf Stärke und Frequenz herabsetzen, Erschlaffung und Erweiterung des peripherenarteriellen Systems mit Sinken des Blutdruckes bewirken ; die Athembewegnngen «erdenauch hier verlangsamt. Dieser Wirkung gehen jedoch im Beginne der Action starkerBeize die nach schwachen Reizen zu beobachtenden Erscheinungen (Verengerung derHautarterien, Blutdrucksteigerung etc.) voraus ; dieselben sind aber nur vorübergehendund können bei sehr starken Beizen selbst ganz fehlen; mit diesen Wirkungen geht aucheine Veränderung der Körpertemperatur einher, derart, dass bei schwachen Beizen dieInnentemperatur des Körpers steigt, bei energischen Hautreizen dagegen erheblich sinkt.Bezüglich des Einflusses der Hantreize auf den Stoffwechsel wurde ermittelt, dass einestarke Zunahme des Sauerstoffverbrauches und der Kohlensänreproduction und, wenigstensbei schwachen Hautreizen, auch wahrscheinlich eine Zunahme der Stickstolfausscheidnug.demnach eine Steigerung des Stoffwechsels, stattfinde.
Die Abnahme der Sensibilität an der Applicationsstelle des Hautreizes und inderen Umgebung, sowie die schmerzlindernde oder schmerzaufhebende Wirkung des-selben bei neuralgischen Zuständen beruht wohl auf reflectorischer Beeinflussung derCirculation.
Ziüzer's Untersuchungen lehren, dass auch die in der Nähe der Applicationsstellebefindlichen Theile, bei Anwendung nachhaltig eingreifender Hautreize, nicht unberührtbleiben. Nach Einpinselung der Haut des Rückens bei Kaninchen mit Collodium cantha-ridatum durch 14 Tage wurde starke Füllung und Erweiterung der Blutgefässe imUnterhautzellgewebe, Schwund des Fettes und auch in den oberflächlichen Muskel-schichten ein vermehrter Blutgehalt, dagegen nicht nur in den tiefer gelegenen Muskeln,sondern auch in inneren Organen, wie in den Lungen, Anämie vorgefunden, so dassvon einer durch das Epispasticum bewirkten Anhäufung von Blut in der Nähe seinelApplicationsstelle unter Entlastung tiefer gelegener Theile von Blut, daher von einerörtlich deplethorisehen Wirkung des Hautreizmittels die Rede sein kann. Daraus konnteman wohl die günstige Wirkung epispastischer Mittel auf die Rückbildung und Resorptionpathologischer Producte verschiedener Art an und in der Nähe ihrer Applicationsstelleallleiten.
Je nach der Natur des Hautreizmittels, der Stärke und Dauerseiner Einwirkung, äussert sich die durch dasselbe bewirkte Eeactionbald unter den Erscheinungen eines mehr oder weniger starken, vonschmerzhaften Empfindungen begleiteten Erythems (Epispastiea rube-