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Dingelstedt war eine der merkwürdigsten Gestalten der deutschen Dichtcr-welt. Es kann hier keine ausführliche Charakteristik dieses Mannes platzgreifcn,die ja ohnehin mehrfach von den berufensten Federn geliefert wurde, abereiniges mehr oder weniger Bekanntes über ihn möge hier Wiederholung finden,damit das Bild Dingclstedt's in der Erinnerung des Lesers aufgcfrischt werde.Der Mann, welcher einst mit seinen „Liedern eines kosmopolitischen Nacht-wächters" Aufsehen erregt hatte, welcher diejenigen glücklich pries, die „Dntzcnd-fürstcn" und „Taschen-Höslein" niemals kennen gelernt haben, dem das „seid'ne Lumpenpack" ei» Gräuel war, derselbe Alan» haschte später nach Ordenund setzte alle Hebel in Bewegung, um einen HofrathStitel n. dgl. zu erlangen,ja nannte sich zu einer Zeit, da er sich noch nicht einmal „von" schreibendurfte, gerne Baron. Als einfacher Franz Dingelstedt, Intendant des MünchenerHoftheatcrs, machte er einmal Wilhelm von Kanlbach einen Besuch und ließsich durch den Diener als Baron Dingelstedt anmcldcn. Kanlbach, welcherbemerkte, daß der Diener die Salonthüre hinter sich nicht geschlossen hatte,rief mit lauter Stimme: „Baron Dingelstedt? Ich kenne keinen Baron Dingel-stedt!" Im selben Augenblicke steckte der „lange Franz" aber seinen Kopf zurThüre herein, woraus Kanlbach ganz erstaunt ausricf: „Du bist cs Franz! —der Kerl sagt Baron Dingelstedt."')
Dingelstedt hatte, nachdem ihm der Nachtwüchtcrmnntel unbegnem gewordenwar, die Absicht, sich der diplomatischen Laufbahn zu widmen. Ohne Zweifelwürde er cs auf derselben zu einer hervorragenden Stellung gebracht haben,denn die Jntriguc war sein eigentlich' Element. Seine wahren Gedanken durchgeistreiches Geplauder zu verbergen, Leute aufeinander zu Hetzen und ehrlichDenkende irre zu führen, dabei mit einem beständigen Lächeln des Wohlwollensum die Lippen die personificirte Liebenswürdigkeit spielend: das alles verstander meisterlich.
Erst als sich ihm eine günstige Gelegenheit bot, die Theaterlanfbah» zurErreichung seines Zweckes, „cs höher zu bringen", benützen zu können, wandteer sich dieser Carricrc zu. „Höher, höher hinauf mnß man" sagte er zn Laube,indem er ihm zntrank. Dann fuhr er fort: „Aber Sie thu» ja, Laube, als obSic das Theater wirklich interessirte!" — „Warum wür' ich denn sonstdabei?!" — „Ach, warum nicht gar" rief Dingelstedt, „das ist ja doch nurdie Stufe, welche man benützt, um weiter und weiter aufznsteigen." Würdediese Mitthcilnng anch einer weniger vertrauenswürdigen Quelle entstammen,man müßte daran glauben, denn sie paßt Wort für Wort ans Dingelstedt, unddas „nothwendige Nebel" (die Oper) ist ein glänzendes Seitenstück dazu.
Eines der größten Bedürfnisse Dingclstedt's war es, von sich reden znmachen, Aufsehen zn erregen. Die sogenannten „Gesammt-Gastspicle" und„Mustervorstcllnngen" waren seine ureigene Erfindung. Der künstlerische Gewinn
>) Diese köstliche Episode erfuhr Herbcck ans Kanlbach's eigenem Munde.
2 ) Hcinr. Laube „Erinnerungen" in der Neuen Freien Presse vom 22. April t883.