— 178 -
Frl. Bettclheim (Micha), Walter (Samson) und Hill (Manoah und Harapha)leisteten Unübertreffliches. Frau Dustmann, dem Brannschweiger Publicum vonfrüheren Gastvorstellungen am Theater schon vortheilhaft bekannt, errang diesmalans einem andere» Gebiete einen vollständigen Triumph, ebenso Frl. Bettel-Heim als Fremde. Gleich nach den ersten Rccitativen und der darauf folgendenArie „O Abbild der Hinfälligkeit" gewann sic die Sympathie des PublicnmS,und mit jeder Minute wuchs das Interesse an ihren Leistungen. Daß Walter,dessen weicher lyrischer Tenor für seine Nolle wunderbar paßte, und Hill durchdie Meisterschaft, mit der er die in ihrem innersten Wesen grundverschiedenenCharaktere des Manoah und Harapha auch verschieden darznstellcn verstand, alleHörer entzückte, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. „Eine in alten Theilenso ausgezeichnete Vertretung der vier Hauptstimmcn", schreibt ein anderer
Berichterstatter, „können wir uns nicht erinnern, je gehört zu haben." >) KeinWunder also, wenn die unter Hcrbcck's vorzüglicher Leitung stattgehabte Auf-führung des grandiosen Werkes eine derartig fesselnde Wirkung ansübte, daßdaö Publicum unter stets wachsendem Interesse drei Stunden ansharrte undam Schlüße in stürmischen Beifall ausbrach. Die letztere Thatsache will ineiner Stadt, wo man sonst mit Beifallskundgebungen zu geizen gewohnt ist,-)etwas bedeuten. Das zweite, von Abt und Fischer geleitete Concert am
folgenden Tage brachte als Hauptnummer Bcethoven's nennte Symphonie.
Der dritte Tag begann mit der „Freischütz-Ouvertüre, woran sich die von
Hcrbeck dirigirtc „Anakrcon"-Onvcrtnrc schloß. Leider wurde die Wirkung diesesfeinen Musikstückes durch die kolossale Größe des Nanmcs etwas beeinträchtigt.Mit der folgenden Schnbcrt'schen „Lilaney am Feste Allerseelen" — in seinemChor Arrangement — trug er einen phänomenale» Erfolg davon. Dieses Liedmußte, aus vierhundert Kehlen mit der feinsten Nuanciruug gesungen, wohleine kaum zu beschreibende Wirkung hcrvorgebracht haben. Nach den letztenAccordcn erhoben sich lebhafte «in-enpo Rufe, und ei» förmlicher Blumcnrcgenging auf den Dirigenten und die Sänger nieder. Nach einigen Solovorträgenschloß das Concert, und hiermit der musikalische Theil des Musikfestes mitHändel's gewaltigem Chor „Seht er kommt, mit Preis gekrönt" aus „JudasMaccabäus" in feierlicher Weise ab. Den officiclle» Schluß bildete ein Fcstballim Hofthcater, der alle Fest-Theiluehmer vereinigte.
So war das Mnsikfest für Hcrbeck, die Mitwirkendcn und die Zuhörerin der zufriedenstellendsten Weise verlaufen. Zu den Huldigungen, welche ihmschon das Publicum gebracht hatte, gesellte sich noch jene der Sänger undSängerinnen. Diese brachten ihm nach gcthaner Arbeit unter Abt'S Leitung imGarten seines Wirthes ein herzliches Stündchen.
y Süddeutsche Musik-Zeitung, XIV. Jahrg. Vir. 25.
y Kliugcuunm, „Kunst und Natur", II. S. 136, spricht von der „Ruhe eines Kirch-hofes" im Brannschweiger Theater.
y Frciudeublatt vom 14. Juni 1865.