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Glücklicher Weise wurden aber alle Differenzen ansgeglichen, und Herbeck tratam Abende des 28. Mai die Reife nach Braunschweig an, wo er nach acht-undzwanzigstündiger Fahrt am 30. Nachts anlangte. Commerzicnrath vonNoigtländcr, mit dem er schon von Wien aus bekannt war, und dessen Stief-sohn I)r. Hans Sommer hatten es sich nicht nehmen lassen, Herbeck in ihremHanse zn beherbergen.
Voigtlünder's Besitzung lag in dem neuen, ganz modern erbauten Theileder Stadt. Das mit ausgesuchtem Geschmackc eingerichtete Hans diente nurder Familie als Wohnung, und dessen ausgedehnte Räumlichkeiten erlaubtendie Aufnahme von Gäste». Ein großer, prachtvoller Park, welcher zu jener
Zeit gerade im schönsten Blüthenschmucke prangte und von tausendstimmigemVogelfänge wiederhallte, dehnte sich hinter dem Hause aus. Herbeck erlabte sichjeden Morgen bei den geöffneten Fenstern seines Zimmers an dem Sange derNachtigallen, Finken und Drosseln. Er war überglücklich. „Ja, liebste Marie",schreibt er an seine Frau, „wenn wir Geld und diese Besitzung hätten, würdeich wochenlang nicht ans dem Hause kommen."
Nun ging's an die Arbeit. Nachdem die nothwendigsten Besuche abgethanwaren, folgte Sitzung auf Sitzung, Probe auf Probe. Herbeck hatte beim Ein-stndiren großer Werke das heute wohl schon allgemein verbreitete Princip,
separate Chor- und Orchesterproben abzuhaltcn. Er legte in diesem Falle einbesonderes Gewicht darauf, mit dem in Brannschweig befindlichen Hauptstammedes Chores noch vor dem Eintreffen der auswärtigen Sänger und Sängerinnentüchtig zn studiren.') Die Proben zum „Samson" verursachten ihm viele Mühe.Er gibt dieser Thatsache mit de» lapidare» Worten Ausdruck: „Die Probengehen jetzt schon recht gut, es gibt aber eine wahre Noßarbeit — denn voneinem gemischte» Chor wie bei unö hat man hier gar keinen Begriff. Die
Leute geben sich aber alle Mühe (die Proben dauern immer ohne Unter-
brechung drei Stunden) und versichern, daß sie erst jetzt wissen, was Ein-studiren heißt." 2 )
Neben der Arbeit gab es aber auch Vergnügungen in Hülle und Fülle.Wer in dem Charakter der Braunschweiger etwas von norddeutscher Kälte oderZngeknöpsthcit vermnthen wollte, wäre im Jrrthume. Das ist im Gegentheileein lebenslustiges, lebhaftes Völkchen, welches sich nicht spotten läßt, wenn esgilt, Güsten den Aufenthalt so angenehm als möglich zu mache». Beinahesämmtliche Mitwirkcnde von auswärts wurden von Privaten beherbergt. DerKaufmann Schmidt hatte in seinem Hause nicht weniger als dreißig mitsingendeDamen zu Gaste, und seiner Gattin war die Aufgabe zugefalle», jeden Morgeneiner reizenden Kaffeegesellschaft zn prüsidiren, „wie man eine solche nicht oftbeisammen findet".^ Wenn der Tag voll' Müh' und Arbeit zu Ende war,
') Brief vom 9. Mai 1865, Anhang S. 65.
2 ) Brief an feine Fran, im Anhänge nicht abgedrnckt.
3) Fremdcnblatt (Wien) vom 14. Juni 1865.