Druckschrift 
Zur Psychologie der logischen Grundthatsachen
Entstehung
Seite
83
Einzelbild herunterladen
 

83

und inductiven Methode. Sokrates ist ein Mensch ergoist er sterblich dieser Analogieschluss kann sowohl deductivals inductiv verwendet werden. Stets beruht er auf der Voraus-setzung , dass viele andere Menschen gestorben sind, und stetsdrängt mich die Ähnlichkeit der Umstände, auch Sokrates für sterb-lich zu halten. Aber ich kann diese Erwartung nun in doppelterWeise verwerten: einmal kann ich diesen Einzelfall um seiner selbstwillen betrachten, und meine auf ihn bezügliche Überzeugung vondem reichen Associationsmaterial als von einem zureichenden Grundedeterminiert sein lassen; dann gehe ich deductiv vor, indem ich aufGrund allgemeiner Erfahrungen einen Einzelfall beurtheile. Oderaber ein anderesmal kann ich diesen Fall lediglich als einen Fallmehr ansehen, dessen Besonderheit darin besteht, dass ich ihn aufGrund bloßer Analogie beurtheilen kann, und der insofern typischist für alle ähnlichen Fälle; dann gehe ich inductiv vor. Mit anderenW orten, in der deductiven Verwendung sagt mir der angeführteSchluss : Sokrates der Sohn des Sophroniskos als Individuum musssterben; in der inductiven Verwendung aber sagt er: Sokrates alsGlied der Gattung Mensch muss sterben. Dem ersten Satze könnteman noch hinzufügen: weil jeder andere auch sterben muss, demzweiten: und also muss auch jeder andere sterben.

7. Aber, wie gesagt, noch ein zweiter Einwand erhebt sichgegen die Binetsche Theorie in ihrer derzeitigen Fassung. Eserscheint nämlich sehr fraglich, ob die Unterscheidung der beidenersten Glieder des angeblich dreigliedrigen Processes sich aufrechterhalten lässt, beziehungsweise ob ihrer zweifellosen idealen Unter-scheidbarkeit auch eine empirische Unterscheidung entspricht. Ichglaube, der sinnliche Eindruck und die frühere ähnliche Erfahrungwerden unter normalen Verhältnissen nicht als zwei getrennte Be-wusstseinszustände empfunden, vielmehr folgt unmittelbar die mitder letzteren associierte Vorstellung. Mit anderen Worten, ich glaube,das von Binet selbst formulierte Gesetz der Verschmelzung machtsich auch hier geltend. Deshalb steht es in diesem Falle nichtanders als in jenem einfachen Falle der Berührungsassociation, wodas Wiederauftauchen einer schon einmal dagewesenen Vorstellungauch eine mit der ersten coexistierende Vorstellung erweckt. Auchda müsste man ja ideell die beiden inhaltsgleichen Vorstellungenauseinanderhalten, und erst die spätere die frühere, und dann erstdiese die coexistente erregen lassen. Hiemit stimmt aber die innereErfahrung nicht überein. In einem solchen Falle verschmelzen eben

(!*