I. ABSCHNITT.
Die Erkenntnis ohne Sprache.
1. »Was wir in Schlussfolgerungen denken, das erkennt dieGottheit in einem einzigen Anschaun.« Mit diesen Worten kenn-zeichnet einer der vornehmsten Begründer moderner Philosophiesowohl als Naturforschung, Galileo Galilei, das Verhältnis zwischenintuitivem und discursivem Denken. 1 ) Die Gottheit hat hier nebenihrer theologischen auch eine typische Bedeutung, und zwar indoppelter Richtung. Sie stellt das Ideal eines mit vollkommenerErkenntnis begabten, und eines völlig unsocialen, isolierten Wesensdar. In diesem Lichte besehen, besagt das Wort Galileis: je ent-wickelter das Erkenntnisvermögen eines Menschen und je wenigersein Denken ein sociales, auf Mittheilung gerichtetes ist, destomehr nähert es sich einem Denken in reinen nominibus propriis.In der That, ein solches Denken in Eigennamen, das die ganzeFülle der vielfältigen Erscheinungswelt überschauen, dabei alleEinzelheiten unterscheiden, und doch die unendliche Zahl derzwischen ihnen herrschenden Beziehungen erfassen könnte, — dieswäre das Ideal einer allwissenden und eben darum sich selbstgenügenden Intelligenz. Ein solches Ideal ist für uns Menschen un-erreichbar. Eine Annäherung daran, wenigstens der Richtung nach,werden wir in wahrhaft genialen, d. i. mit scharfer und ausgebrei-teter Beobachtung und mit Ursprünglichkeit begabten Denkernfinden müssen. Denn in doppelter Hinsicht ist die menschlicheNatur den Anforderungen unseres Ideals nicht gewachsen: derMangel an Unterscheidungsgabe entzieht uns den Überblick über
*) Harald Höffding, Geschichte der neueren Philosophie. I, pag. 198.