124
zu — alle Farbe wäre von ihren Wangen gewichen, ihreGestalt hagerte ab, ihre Gesundheit drohete einer An-strengung zu erliegen, deren sie wegen ihrer lebhaftenPhantasie und ihrer mangelhaften Erziehung unfähigwäre, und bei ihrer Schwester, wie gut diese es auchmeinte, fände sie keinen Trost, ja nicht einmal geselligenUmgang.
Diese Mittheilnng verursachte bei mir eine gänzlicheUmwandlung. Bisher hatte ich mich mindestens mit demGlauben getröstet, gegen Julien im wahren Sinne derZärtlichkeit gehandelt zu haben, und dieser Glaube hattemich selber erträglich aufrecht erhalten; jetzt aber schwandmir alles Nachdenken, alle Klugheit, alle Tugend beidem Gedanken an Juliens Leide». Ich ging nach Hauseund schrieb in der Aufwallung des Augenblicks einen lei-denschaftlichen, flehenden Brief an,die Geliebte. Ichbeschwor sie mit mir zn fliehen. Ich ließ meinen Diener,einen Ausländer, der in solchen Aufträgen wohl bewan-dert war, das Schreiben bestellen. In Fieberangst harrteich einer Antwort. Diese kam — die Aufschrift war vonJuliens Hand — ich öffnete das Schreiben in einer Artvon Verzuckung, als o! mein eigener unerbrochener Briefmir entgegenfiel; in dem Umschläge aber standen folgendewenigen Worte von Juliens Hand geschrieben. —
„Ich habe mein Wort gegeben, Deine Briefe, imFall Du an mich schreiben würdest, ohne sie zu lesenznrückznschicken. Ich darf daher Deine Zuschrift nichtöffnen, wiewohl ich nicht beschreiben kann, mit welcher