II. Die „jungdeutschcn" Nachäffer.
433
Daß ein Schriftsteller vollends nicht blos richtig, sondern aus-drucksvoll sprechen, daß er Eindrücke und Gedanken neu undstark wiedergeben könne, daß er ein Gefühl für den Werth undfeinem Sinn des Wortes haben müsse, davon geht Tovote nochnicht die leiseste Ahnung auf. Die Schilderung ist von einerSchäbigkeit, deren sich der letzte Winkelblatt-Berichterstatter überPolizeiangelegenheiten schämen würde. Es ist Nichts gesehen,Nichts gefühlt, Alles nur ein brummender Widerhall gelesenenZeugs schlechtester Art. Die „Modernität" endlich besteht darin,daß die öde Banalität des Vorganges theilweise Berlin zumSchauplatze hat und daß hie und da obenhin von Sozialismusund Realismus gemurmelt wird. Die deutsche Kritik hatin den Siebenziger Jahren mit Recht gefordert, daß derdeutsche Roman auf festen Boden gebaut werde, daß erin bekannter Zeit und wirklichem Raume, daß er in derdeutschen Hauptstadt unserer Tage spiele. Auf diese Anregungentstand der „Berliner" Roman der Nachäfser. Das besondereund kennzeichnende Berlinerthum dieses Romans besteht darin,daß der Verfasser jedesmal, so oft er von einer Straße zusprechen hat, in das bodenlose Erstaunen eines im Panoptikumausgestellten Hotteutoten gerätst, weil er in der Straße vieleMenschen, viele Wagen und viele Kauflüden entdeckt, und daßer Gelegenheiten sucht, Berliner Straßennamen anzuführen,z. B.: „Das Coupe jagte die Friedrichstraße entlang, unter demStadtbahnbogen hindurch, am Centralhotel vorüber. . . Ander Dorotheenstraße mußte der Kutscher die Pferde zügeln, umeinen grell klingelnden Pferdebahnwagen vorüber zu lassen. . .Im nächsten Moment bog das Coupö in kurzem Trabe in dieLinden ein." Oder: „Der Wagen jagte die Linden entlang.. .Jetzt unter den breiten, grauen Pfeilern des Brandenburger-thores durch. Die unendliche Charlottenburger Chaussee liegtvor ihnen, aber der Wagen biegt scharf nach links und führtan dem dunkeln Thiergarten hin." Man sieht: das Mittel
Nordau, Entartung. II. 28