372
Der Realismus.
Jungfrau mit den Zügen aus, die ihm von der Beobachtungher bekannt und vertraut sind; aus dem Königsschloß trittman in den Wald und auf die Wiese hinaus wie aus demBauernhof; die Prinzessin läuft allein an den Waldbrunnen,sie besorgt die Wäsche und bleicht sie am Anger wie einehäusliche Bauerndirne; die heilige Jungfrau unternimmt eineReise und vertraut der Pflegetochter die Schlüssel der Wirth-schaft an wie eine reiche Burgfrau; die Märchen sind aus denErfahrungen eines Bauers heraus gedichtet, der mit treuherzigemRealismus seine eigene Welt schildert und den bekannten Ge-stalten und Verhältnissen blos andere Namen gibt. Goncourtdagegen, der große, bahnbrechende „Realist", erzählt in seinemRoman „I-n l^nnstin** eine Geschichte von der Liebschaftzwischen einem Lord Annandale und einer Schauspielerin desThöLtre franyais, die dem Kritiker Brunctiöre diese Be-merkungen abnvthigt^): „Ich möchte über den Roman des
Herrn de Goncourt die Meinung des Herrn Zola haben. HerrZola, der sich so beredt über den Abenteuer-Roman lustig ge-macht hat, über den Roman, ,wo die Prinzen incognito um-herlaufen, alle Taschen voll Diamanten*, was mag er wohlim geheimen Innern seines Herzens von diesem Lord Annan-dale denken, der sein Gold mit vollen Händen aus dem Fensterwirft und in seinem Pariser Hotel von einem Tag auf denandern über etwa fünzig Diener herrscht, ohne den Dienst vonMadame mitzurechnen? Herr Zola, der sich so angenehm überden idealistischen Roman, wie er ihn nennt, lustig gemachthat, über den Roman, ,wo triumphireude Liebe die Liebendenin die köstliche Welt des Traumes entführt*, was mag er wohlbei sich von der leidenschaftlichen Zärtlichkeit denken, die Herrde Goucourt seinem Engländer für seine Schauspielerin bei-
>) Ferdinand Brunetidre, I^e roinan Naturalist«, ttouvells«äition. Paris, t892. S. 285.