Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
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Der Realismus.

Vor allen Dingen hat das Wort Realismus selbst garkeine ästhetische Bedeutung. In der Philosophie bezeichnet mandamit die Anschauung, für welche die Welterscheinung der Aus-druck einer stofflichen Wirklichkeit ist. Auf Kunst und Schrift-thum angewendet aber enthält es gar keinen Begriff. Ich habedies an anderer Stelle (Paris unter der dritten Republik")ausführlich nachgewiesen und will hier den Gedankengang nurganz kurz zusammenfassen.

Die Bierhaus-Aesthetiker, die einen Realismus und einenIdealismus unterscheiden, erklären jenen als das Bestreben desKünstlers, die Dinge zu beobachten und wahr wiederzugeben.Dieses Bestreben hat aber schlechterdings jeder Schriftsteller.Absichtlich weicht Niemand in seinen Darstellungen von derWahrheit ab. Und selbst wer es wollte, könnte es nicht, weildies allen Gesetzen des menschlichen Denkens zuwiderlaufenwürde. Denn jede unserer Vorstellungen beruht auf einer Be-obachtung, die wir einmal gemacht haben, und auch wenn wirfrei erfinden, arbeiten wir nur mit Erinnerungsbildern voraus-gegangener Beobachtungen. Wenn trotzdem das eine Werk denEindruck größerer Wahrheit macht als das andere, so ist diesnicht eine Frage dieser oder jener ästhetischen Richtung, sondernausschließlich eine solche des größern oder geringem Talents.Ein wirklicher Dichter ist immer wahr, ein unfähiger Nach-ahmer ist es nie; jener ist es auch dann, wenn er es ver-schmäht, in den Einzelheiten stets genau der Wirklichkeit nach-zugehen, dieser ist es auch dann nicht, wenn er mit peinlicherAufmerksamkeit und mit der Methode eines Landmessers anden kleinen Aeußerlichkeiten haftet.

Wenn man sich die psychologischen Bedingungen gegen-wärtig hält, unter denen ein Kunstwerk zu Stande kommt, soerkennt man sofort die ganze Windbeutelei des sogenanntenRealismus." Die Quelle jedes wirklichen Kunstwerks ist eineEmotion. Diese entsteht entweder durch einen Lebensvorgang