V. Friedrich Nietzsche.
357
kommenern Zustande, in welchem die ganze Menschheit vereintnur noch gegen die Natur kämpft, wählt sie zum Anführer denMann des reichsten Gehirns, des geschultesten Willens und dergesammeltsten Aufmerksamkeit. Dieser Mann ist der besteBeobachter, aber er ist auch derjenige, der am feinsten undraschesten fühlt, der sich am lebhaftesten die Zustände derAußenwelt vergegenwärtigen kann, also auch der Mann desregsten Mitgefühls und der umfassendsten Theilnahme. Der„Uebermensch" der gesunden Gattungs-Entwickelung ist einwissender- und selbstlos liebender Paraklet, kein blutlechzendes„prachtvolles Raubthier". Das bedenken Diejenigen nicht, diein Nietzsches Aristokratismus ihre eigenen undeutlichen An-schauungen von der Nothwendigkeit führender Adelsnaturen klarausgedrückt zu erkennen glauben.
Nietzsches falscher Individualismus und Aristokratismuskann oberflächliche Leser irreführen. Ihr Jrrthum sei ihnenals mildernder Umstand angerechnet. Aber auch wenn mandiesen in Betracht zieht, bleibt die Thatsache, daß ein erklärterLobsüchtiger in Deutschland für einen Philosophen gehaltenwerden und Schule machen konnte, immer noch eine schwereSchmach für das deutsche Geistesleben der Gegenwart.