330
Die Jch-Sucht.
radikalen Aristokraten^ der alle großen freiheitlichen Volks-bewegungen in der Geschichte, die Reformation, die französischeRevolution, den modernen Sozialismus, zu Sklavenaufläufenherabsetzt und die Behauptung wagt, daß die millionenfachenMillionen der Nationen nur dazu da sind, um ein paar Malin jedem Jahrhundert die große Persönlichkeit hervorzubringen."st
Robert Schellwien2) gibt zwar, ehrlicher als andere Nietzsche-Apostel, zu, daß dessen „Lehre" „auf den vulgären Indivi-dualismus schwerlich jemals eine erhebliche Einwirkung gewinnenwerde," aber er bedauert dies sichtlich, obschon er sie zu den„großen Jrrthümern und Einseitigkeiten" rechnet, und thut,was er kann, um das Geschwätz seines „Propheten" durcheigenes Geschwätz theils zu erläutern, theils zu kritisiren.
Eine Reihe von Nachahmern bemüht sich emsig, Nietzscheabzugucken, wie er sich räuspert und wie er spuckt. Seine Ab-handlung „Schopenhauer als Erzieher" (Unzeitgemäße Be-trachtungen, 3. Stück) hat in „Rembrandt als Erzieher" eineungeheuerliche Parodie gefunden. Zwar die sprudelnde Wort-sülle und die tollen Gedankcnsprünge des Tobsüchtigen konnteder schwachsinnige Verfasser dieser Parodie nicht nachahmen.Diese Krankheits-Erscheinung dürfte überhaupt kaum gespieltwerden können; aber die Wortwitzelei, die sinnlose Echolalie desVorbildes hat er sich angeeignet und auch den größenwahn-sinnigen und verbrecherischen Individualismus Nietzsches suchter nachzustammeln, so gut seine Mittelchen es gestatten. Einanderer Schwachsinniger, Albert Kniepstst hat sich hauptsächlichin Nietzsches Vornehmthuerei vergafft und schreitet mit ergötz-lichsten Fürsten-Mienen und -Geberden einher. Er nennt sich„einen Menschen höher» Geschmacks und feinem Gefühls", er
0 Ola Hansson, Das junge Skandinavien. Vier Essays. Dresdenund Leipzig, 1891. S. 12.
0 Robert Schellwien, a. a. O. S. ö, 6.
st Albert Kniepf, Theorie der Geistoswerthe. Leipzig, 1892.