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2 (1893)
Entstehung
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323
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V. Friedrich Nietzsche.

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der Willens- und Bewegungs-Organe von den Organen desDenkens und Urtheilens, denen sie sonst gehorchen, ist an sichein Beweis tiefster Zerrüttung der ganzen Denkmaschine. Un-kundige weisen gern darauf hin, daß manche Schriftsteller undKünstler in ihrem einwandfreien Leben einen geraden Gegensatzzu ihren Werken bilden, die unsittlich oder widernatürlich seinmögen, und leiten aus diesem Gegensätze die Folgerung ab,daß man nicht berechtigt sei, aus den Werken auf die geistigeund sittliche Beschaffenheit ihres Urhebers zu schließen. Die-jenigen, die derartige Redensarten machen, ahnen in ihrer Un-wissenheit eben nicht, daß es rein geistige Perversionen gibt,die ganz so eine Geisteskrankheit sind wie die Zwangsantriebeder „Impulsiven".

Dies ist sichtlich der Fall bei Nietzsche. Seine Verirrungist rein geistiger Art und hat ihn schwerlich jemals zu Thatengedrängt. Es hat also auch in seinem Geiste kein Kampfzwischen den Trieben und der auerzogeuen Sittlichkeit statt-gefunden. Seine Erklärung des Gewissens hat einen ganzandern Ursprung, als I)r. Türck aunimmt. Sie ist eine derso häufig beobachteten irrigen Deutungen einer Empfindungdurch das sie wahrnehmende Bewußtsein. Nietzsche bemerkt,daß Vorstellungen grausamer Art bei ihm von Lustgefühlenbegleitet, daß sie, wie die Zrrenheilkunde sich ausdrückt, „wol-lüstig betont" sind. Er hat um dieser Begleitung willen dieNeigung, derartige wollüstig empfundene Vorstellungen herauf-zubeschwören und schwelgend bei ihnen zu verweilen H. DieseErfahrungen sucht das Bewußtsein dann derart vernünftig zudeuten, daß cs annimmt, Grausamkeit sei ein gewaltiger Urtriebdes Menschen, dieser gefalle sich wenigstens in der Vorstellung

') Nietzsche spricht an einer Stelle, „Zur Gen. d. M." S. 132von der „Spccies der moralischen Onanisten und Selbstbefricdiger."Er wendet das Wort zwar nicht auf sich an, es ist aber unzweifelhaftvon einer dunkeln Ahnung seines eigenen Seelenzustandes eingegeben.

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