Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
312
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Wirklich originell ist Nietzsche allerdings überall, wo errast; da seine Aussprüche dann überhaupt keinen Sinn, nichteinmal einen Unsinn, enthalten, so kann man sie auch nicht anirgend Etwas knüpfen, was früher gedacht und gesagt wordenist. Wo dagegen in seinen Worten ein Schimmer von Ver-stand ist, da ist auch ihre Abstammung aus den Paradoxenoder Banalitäten Anderer sofort zu erkennen. Nietzsches „In-dividualismus" findet sich vollständig in Max Stirner wieder,einem toll gewordenen Hegelianer, der vor fünfzig Jahren denkritischen Idealismus seines Meisters bis zur ungeheuerlichen-Aufblasung der Bedeutung, selbst der grob empirischen Be-deutung, des Jchs übertrieben und ungewollt lächerlich ge-macht hat, der schon zu seiner Zeit von Niemand ernst ge-nommen worden und seitdem in die wohlverdiente tiefe Ver-gessenheit gefallen war, aus der jetzt einige Anarchisten undphilosophische Gigerl — denn die Zeithysterie hat auch einesolche Gestalt geschaffen — ihn auszugraben suchen?) WoNietzsche das Ich, seine Rechte, seine Ansprüche, die Nothwendig-keit, es zu pflegen und zu entwickeln, preist, da wird der Leser,der sich die vorhergehenden Kapitel dieses Buches gegenwärtiggehalten hat, die Phrasen von Barrss, Wilde und Ibsenwiedererkennen. Seine Philosophie des Willens ist Schopen-hauer abgeguckt, der überhaupt seinem Denken die Richtungund seiner Sprache die Färbung gegeben hat. Die vollständigeGleichheit seiner Redensarten über den Willen mit der LehreSchopenhauers ist ihm offenbar selbst zum Bewußtsein ge-kommen und unheimlich geworden, denn um sie zu verwischen,setzte er seinem Abklatsch eine falsche Nase von eigener Er-

') R. Schellwien, a. a. O. S. 7: „Die literarische Thätigkeit derbeiden Denker (!) liegt um mehr als dreißig Jahre auseinander, aber,so groß auch ihre Verschiedenheit, ihre Uebereinstimmung ist es nichtminder und in dieser treten die wesentlichen Charakterzüge des prinzi-piellen Individualismus um so deutlicher hervor."