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Die Jch-Sucht.
Einsamkeit mächtig fühlt, nennt (S. 65) seine Mitbürger „Feig-linge, weil alle nur an sich und ihre Familie und nicht an dieAllgemeinheit denken." Und in derselben „Nora", in welcherIbsen diesem Weibe sichtlich so entschieden znstimmt, wenn sieerklärt, sie habe nur „Pflichten gegen sich selbst" und könne „aufNiemand anders Rücksicht nehmen", auch nicht auf Mann undKind, brandmarkt er ihren Gatten Helmer als jämmerlichenSchwachmattikus, weil er bei ihrem Geständniß der Wechsel-fälschung zunächst nur an seinen Leumund, also an die „Pflichtgegen sich selbst", denkt und nur auf sich Rücksicht nimmt, nichtaber ans sein Weib! Hier wiederholt sich dieselbe Erscheinungwie bei Ibsens Anschauungen von Geschlechts-Sittlichkeit. Un-zucht ist beim Mann ein Verbrechen und nur dem Weibe ge-stattet. Ebenso ist die schroffe Betonung des Jchs nur beimWeib ein Verdienst. Der Mann hat nicht das Recht, selbst-süchtig zu sein. Wie verspottet Ibsen die Selbstsucht z. B. beiBernick in „Stützen der Gesellschaft", wenn er diesen (S. 47)von seiner Frau naiv sagen läßt, er wolle sie „unbedeutend"haben; „in einem großen Hanse wie dem unsern ists immergut, eine solche schlichte Persönlichkeit zu haben. . . Johann.Ja, aber sie — ? Bernick. Sie? Wieso? ... es fehlt ihr dochnicht an Personen, für die sie sich interessiren kann! Sie hatja mich und Betty und Olaf und mich! Der Mensch darfnicht in erster Linie an sich selbst denken, und am allerwenigstendie Frau." Und wie hart läßt Ibsen die Selbstsucht des Gattender Frau Elvsted (in „Hedda Gabler") verdammen, indem erihr die bitteren Worte in den Mund legt (S. 26): „Er hatgewiß Niemand weiter lieb als sich selbst. Und vielleicht dieKinder ein wenig."
Aber das Merkwürdigste ist, daß dieser Philosoph desIndividualismus die Selbstsucht nicht nur beim Mann aus-drücklich als ein niedriges Laster verurtheilt, sondern daß erunbewußt auch beim Weibe die höchste Selbstlosigkeit als engel-