Druckschrift 
2 (1893)
Entstehung
Seite
30
Einzelbild herunterladen
 

30

Die Jch-Sucht.

die ganze Weltgeschichte sich um Gemälde überhaupt und umseine Bilder im Besonder:: dreht. Schreibt er Prosa odermacht er Reime, so ist er überzeugt, daß die Menschheit keineandere oder doch keine ernstere Sorge hat als die um Verse undBücher. Man wende nicht ein, daß dies eine Eigentümlich-keit nicht der Jch-Süchtigen allein, sondern der großen Mehr-heit aller Menschen ist. Gewiß, einem Jeden scheint seineigenes Thun bedeutend und der ist sogar ein schlechter Mann,der seine Arbeit so obenhin und leichtfertig, so ohne Luft undGewissen betreibt, daß er selbst sie nicht achten kann. Dergroße Unterschied zwischen dem vernünftigen und gesundenMenschen und dem Jch-Süchtigen ist aber der, daß jener sehrwohl einsieht, wie untergeordnet seine Beschäftigung, obwohlsie ihm ja das Leben ausfüllt und seine beste Kraft erfordert,doch für die übrigen Menschen ist, während dieser sich nichtvorzustellen vermag, daß eine Thätigkeit, der er seine Zeit undAnstrengung widmet, allen Anderen unwichtig, ja kindischscheinen kann. Der pflichttreue Flickschuster ist sicher mit Herzund Seele dabei, wenn er einen alten Stiefel neu sohlt, aberer räumt ein, daß es für die Menschheit noch Interessanteresund Bedeutenderes gibt als das Ausbessern schadhaften Schuh-werks. Der Jch-Süchtige dagegen, wenn er ein Schriftstellerist, zögert nicht, wie Mallarms zu erklären:Die Welt istgemacht, um schließlich zu einem Buche zu führen." Dieseunsinnige Ueberschätzung der eigenen Beschäftigungen und Inter-essen gibt im Schriftthum die Parnassier siind Aestheten.

Ist die Entartung tiefer und die Jch-Sucht stärker, sonimmt sie nicht mehr die vergleichsweise unschuldige Formdes vollständigen Aufgehens in dichterisch-künstlerischer Süß-holzraspelei an, sondern äußert sich als Unsittlichkeit, die biszu moralischem Irrsinn gesteigert sein kann. Die Neigung,Handlungen zu begehen, die seiner eigenen Gesundheit oderdem Gedeihen der Gesellschaft unzuträglich sind, erwacht auch