100
Sie winkte ihrem Vater mit der Hand zu. Er kam und setztesich an ihre Seite.
„Papa, meine Kraft schwindet jede» Tag mehr," sagte sie,„und ich weiß, daß ich gehen muß Es sind noch viele Dinge, dieich sagen und thun muß, und Du bist so unwillig, wenn ich ein Wortüber diesen Gegenstand spreche. Aber es muß kommen; es läßt sichnicht aufbalte». Erlaube, daß ich jetzt spreche» darf!"
„Mein Kind, ich erlaube es!" sagte St. Cläre, indem er seineAugen mit der einen Hand bedeckte und mit der andern Eva's Handergriff.
„So mochte ich alle unsere Leute beisammen sehen. Ich habeeinige Dinge, die ich ihnen sagen muß," sagte Eva.
„Gut!" entgegncte St. Cläre mit dem Tone der Ergebung.
Miß Ophelia sendete einen Boten ab, und bald waren alle Die-ner des Hauses in dem Zimmer versammelt.
Eva lag auf ihren Polstern, das Haar lose über das Gesichthängend, die rvthen Wangen peinlich abstcchcnd gegen die Weiße ihrerHaut und die zarten Umrisse ihrer Glieder und Züge, und ihr großes,scelcnvvlles Auge ernst auf jeden Einzelnen gerichtet.
Die Diener waren von einer plötzlichen Rührung ergriffen.Das geisterartigc Gesicht, die langen angeschnittenen Locken, die nebenihr lagen, ihres Vaters abgcwendctes Gesicht und Mariens Schluch-zen ergriffen die Gefühle eines eiydruckfähigcn Stammes, und alssie hereintraten, blickten sic einander an, seufzte» und schüttelten dieKöpfe. Es herrschte ein tiefes Schweigen, wie bei einem Bcgräbniß.
Eva richtete sich empor und sah lange und ernst rings umher.Alle sahen trübe und angstbeklommen aus. Viele von den Weibernbedeckten das Gesicht mit der Schürze.
„Ich schickte nach Euch Allen, meine theucrn Freunde," sagteEva, „weil ich Euch liebe. Ich liebe Euch Alle, und ich habe Euchetwas zu sagen, woran Ihr Euch Alle erinnern möchtet, wie ichwünsche. — Ich werde Euch verlassen. In wenigen Wochen werdetIhr mich nicht mehr sehen."
Hier wurde das Kind durch Ausbrüche des Stöhncns, der Seuf-zer und Klagen von allen Anwesenden unterbrochen und ihre matteStimme dadurch .ganz übertönt. Sie wartete einen Augenblick und