Druckschrift 
3 (1855)
Entstehung
Seite
319
Einzelbild herunterladen
 

319

dcr Nässe aus. Seit sic erwachsen war, ging sic auch nicht mehr barfuß,sondern hatte immer Strümpfe und Schuhe an, die besser waren, als dieAndern an Feiertagen hatten.

Obwohl sie sehr wenig gesehen wurde, so ward die zarte Schönheitihrer Wangen und dcr Glanz ihrer Augen doch weit und breit bekannt,und mancher Wandersmann, den mau durch die Föhren gehen sah, gingihretwegen, und manches Lied, das Nachts in der Gegend erschallte,wurde ihretwegen gesungen. Selbst Söhne reicher Bauern waren dar-unter, und wenn auch ihre Eltern dachten, das arme Mädchen könne keineSchwiegertochter abgcben, so meinten die Söhne, daß sie eine sehr guteSchwiegertochter wäre, und hielten es für ein Glück, wenn sie nur ein-mal mit ihr an dem Holzstoße vor dem Häuschen oder unter den grauenWachholderstaudcn des Berges reden, und von ihr zärtliche Worte undfreundliche Blicke erhalten könnten.

Aber das Glück wurde keinem zu Theil, außer einem einzigen. Erwar nicht der Schönste unter Allen, ja er war vielleicht weniger schön,als alle andern, er war ein schlanker Mann mit blitzenden Augen undungemeiner Kraft in seinem Körper, und die Leute sagten, Hanna fürchteund liebe ihn. Er war ein Holzknecht in den oberen Wäldern, dcr langeHanns geheißen, aber er war sehr ehrbegierig und stolz, arbeitete tüchtig,trug Sonntags schöne Kleider, klimperte mit dem Gelde in der Tasche,und litt keinen Schimpf und Hohn, wie gering er auch war, sondernnahm den Schimpfeirden an dem Kragen des Hemdes oder der Schriller,und warf ihn in das Gras, oder in den Sand, oder in eine Rinne, wiecs kam. Dieser Hanns ging oft in das weiße Häuschen zu Hanna, erbrachte ihr Alles, was er erarbeiten konnte, daß sic nichts entbehre undihre» Leib schmücken könne. Die Leute behaupteten, sie sei auch dank-bar, indem sic sagte», daß sic gesehen hätten, wie sie neben de» grauenSteine» und grauen Sträuchen ihre Arme um ihn geschlungen, und mitihren Lippen ihn geküßt hätte.

So war cs auch, Hanns hatte selber kein Hehl darüber, er gingimmer zu Hanna, und alle Mensche» wußten, daß sie Liebende und Ge-liebte seien.