Druckschrift 
Aus Jean Paul's Leben
Entstehung
Seite
305
Einzelbild herunterladen
 

305

Darauf schrieb ihr Jean Paul:Liebe Maria, die Locke,die meine Frau meinem Glatzkopf abgcschnitten für Sie, istdie beste Widerlegung Ihres letzten Briefes oder Fürchtens.Besorgen Sic doch nie mehr ich bitte Sie darum, meinerRuhe wegen daß ich irgend einen Ihrer Briese, er sei ge-schrieben, wie er wolle, auf Ihre Kosten mißverstehe. Ichkenne ja Ihr ganzes warmes, reines, idealisierendes Herz unddessen große Kraft; wie sollte mich daran irgend eine Zeiledes Augenblicks irre machen können? Was ich freilich tadle,wenigstens beklage ^ ist, daß Ihr Sonnenfeuer Ihnen süßeFrüchte zwar reift, aber dann auch austrocknet. Ihr Schwur,mich nie zu sehen, gilt nicht. (Jetzt kommen weise Lehren, dieSie sich verbeten!) Denn erstlich käme man etwas nur Andern,nicht sich beschwören; und zweitens sich (und Andern) nicht einmaldas Gute, oder das Unterlassen des Bösen; denn diesen Schwurbringen wir schon mit auf die Welt und kein neuer verstärktihn. Eine andere Sache aber zu beschwören, die nicht imGebiete der Sittlichkeit liegt, z. B. ewig eine Stadt, einenMenschen zu vermeiden, ist ungerecht und dem Schicksal ver-greisend. Und endlich geht wenigstens mich Ihr Schwurnichts an, und ich werde Sic sehen, wenn ich kann. Dannmag Ihnen schnell der Schwur die Augen mit einem Fächerbedecken, wenn ich Ihnen ihn lasse. Ich male mir die Stundeschön, wo Sie zuerst meine Karolinc und meine Kinder sehen,und dann mich. So würd' ich auch alle Ihrigen sehen.

Liebe, gute Seele! Sie sind die erste Unsichtbare, der ichso offenherzige Briese und vollends die Locke gebe. Könnt' ichcs thun, wenn ich nicht so viel Liebe und Vertrauen für Siehätte, für Sie, die viel mehr für mich opfern wollte, als ichverdiene oder Vergelten kann?

Jca» Naul's auSgew. Werke. X.VI.

20