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Gymnasium bestand die Einrichtung eines feierlichen jährlichenActus, bei welcher vorzügliche Schüler der obern Classe vorgroßer Versammlung (vor der Schnlinspcction und den Hono-ratioren der Stadt) Reden oder Gedichte eigner Arbeit vor-zntragcn hatten. Die Auszeichnung, für diesen Actus erwähltzu werden, traf Richtern in seinen beiden Gymnaflaljahren. ZumThema seiner nach den Regeln der alten Rhetorik wohl eingc-theiltcn Rede wählte er das eine Mal „den Werth des früh-zeitigen Studiums der Philosophie", das andre Mal„die Bedeutung der Erfindung neuer Wahrhei-ten." *) In beiden tritt die eigcnthümlichc GcistesrichtungRichters, seine Begeisterung für die Wissenschaft, Schärfe desDenkens und Weichheit des Gefühls deutlich hervor; in letzteraber ganz besonders sein frühzeitig entschiedener warmer Eiferfür fort- und höher schreitende allgemeine Bildung, die ervon der scclen- und haltlosen Lust der bloßen Verneinung undZerstörung mit großer Klarheit schon in seinem 16 . Jahre zuscheiden wußte.
„Nichts ist nützlicher, sagt Richter in dieser seiner.Rede,und edler als die Erfindung neuer Wahrheiten — dieser Satzfindet Widerspruch, aber er ist leicht zu beweisen. Der Menschist ein eingeschränktes Wesen, das seine Fähigkeiten stufenweiseentwickelt und die Vollkommenheit seines Daseins allmählicherreicht. Denn Gott nur ist alles, was er sein kann, auf ein-mal. Je mehr nun der Sterbliche fortschrcitet, desto mehrerweitert sich sein Gesichtskreis, desto mehr Ideen umfaßt er,desto besser kann er ihre Verbindungen wahrnehmen und durch
2) Die erste ist abgedruckt in I. Ps. sämmtlichcn Werke», I. Ausg.
Bd.63; doch scheint die letztgenannte früher zu sein.
Jean Paul's ausgcw. Werke. XVI.