321
Kunde höherer Zustände und Wescnordnungcn über uns abgeschie-den sind, wir dennoch vom Allerhöchsten der Wesen cüi Wissen in„ns tragen. Sollten wir denn dem allwaltcnden Ur alles Da-seins näher stehn, als den uns nächstverwandten Wesen in derüber uns cmporgchcndcn Gcistcrkettc? — Allerdings! Wir stehnihm näher, weil er uns am nächsten steht; er, der in uns, umuns, in allen höher» Wesenrcichen, wie in denen der Natur unteruns, allgegenwärtig waltet und weset: Alles in ihm, er in Allem,ohne ihn nichts ist. Und eben der Gottgcdanke ist die Urkunde,welche verkündet, der Mcnschcngcist gehöre einer weit über dieSinncnwclt erhabnen Wcscnrcihe an. Diese Kunde ward »nsnicht durch menschliche Erfindung zu Thcil, sondern weil sie in,Geiste durch Sclbstofsenbarnng des Allgegenwärtigen*),als Ungewißheit (6.), hervorquillt; und durch Sclbstoffcn-barung des in sämmtlichen Reichen der Natur all-gegenwärtig Waltenden**). Wir sagen wohl, die Natur seiunsre Lehrerin; aber Gott ist's, der sich in ihr uns lehrt.Darum ist diese Offenbarung ein dem Geiste nncntwendbares,nothwendigcs, unwillkürliches Wissen; der Schlüssel desWelt-gcheimnisses. Ohne dem wäre unser eignes Dasein ein ewigunauflösliches Räthscl.
Im bildungsreichstcn, wie im bildnngsdürftigsten Volke entstehtder Gottgedanke aus dem Geiste. Er beginnt, als Ahnung; wirdzum Glauben; erweitert sich zu hellerer Erkcnntuiß; verklärt sichin Gewißheit. Er ist keine nachgebetcte Ueberliefernng der Fa-milien, Horde», Nationen gesammtcr Zeiten. Welttheilc undInseln, die gegenseitig ohne Kunde von einander waren und find,hatten und haben Kunde vom Göttlichen.
*) Rom. 1, 19.
**) Rom. 1, 29.Asch. Srlbstschcm. II.
II