Druckschrift 
Oberon
Entstehung
Seite
133
Einzelbild herunterladen
 

Sechster Gesang. 133

36.

Und so beginnt er denn: Vor etwa hundert Jahren

Lebt' an den Ufern des Tessin

Ein Edelmann, an Weisheit ziemlich grün,

Wiewohl sehr grau an Bart und Haaren;

Von Podagra und Gicht, der späten bittern FruchtZu viel genoßner Lust, fast täglich heimgesucht;

Ein Hofmann übrigens, galant und wohl erfahrenUnd in der Kriegeskunst der Minne wohl versucht.

37.

Dem war, nachdem er lang' sein sündliches VergnügenDaran gehabt, im HagestolzenstandAuf Amors freier Bürsch Berg auf Berg ab im LandHerum zu ziehn, und, wo er Eingang fand,

Bei seines Nächsten Weib zu liegen;

Ihm, sag' ich, war zuletzt der Einfall aufgestiegen,

Den steifen Hals, noch an des Lebens Rand,

Ins sanfte Joch der heil'gen Eh' zu schmiegen.

38.

Mit viel Geschmack und wohl verkühltem Blut

Sucht er ein Kind sich aus, wie er's zu Tisch und Bette,

Zu Scherz und Ernst, gerade nöthig hätte,

Zumal zur Sicherheit; ein Mädchen, fromm und gut,Unschuldig, sittsam, unerfahren,

Keusch wie der Mond und frei von aller eiteln Lust,Jung überdieß, pechschwarz von Aug' und Haaren,

Von Farbe rosenhast, und rund von Arm und Brust.